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Geschichte der Schweizer Sektion

1990 - 2015 : 25 Jahre im Dienst der Informationsfreiheit

« Ich komme aus Burundi. Ich bin Journalist. Sind die Reporter ohne Grenzen auch in der Schweiz vertreten?» Die Fotoreporterin Anne-Marie Grobet erinnert sich gut an diese Frage, die eine Art Auslöser war. Das geschah vor fünfzehn Jahren. Der Mann, der ihr gegenüberstand, hatte kurz zuvor Zuflucht in der Schweiz gefunden. Dieser afrikanische Berufskollege wusste aus Erfahrung, dass Reporter ohne Grenzen (ROG) Journalisten helfen, die verfolgt werden.

Die Genfer Fotografin stellt dieselbe Frage in ihrem Umfeld. Sie trifft sich mit einer anderen Journalistin, Viviane Mermod-Gasser, die sich auch für die junge, fünf Jahre zuvor in Frankreich gegründete Organisation interessiert. Die beiden erhalten die Zusage von weiteren Personen, die bereit sind, eine Schweizer Gruppe der ROG auf die Beine zu stellen. Sie reisen nach Montpellier und versammeln sich in Bistros mit anderen "militanten" Journalisten. Ein paar Monate später, am 19. Mai 1990, findet in Bern die konstitutive Versammlung der Schweizer Sektion von Reporter ohne Grenzen statt. François Gross, Chefredaktor von La Liberté, willigt ein, die Führung zu übernehmen. Er wird auch einer der ersten Präsidenten von ROG-International werden.

Unter den Pionieren finden sich unter anderem Jean-Marie Etter (heute Präsident des Stiftungsrates der Fondation Hirondelle) und Thérèse Obrecht, zwei Journalisten, deren Engagement die Geschichte der ROG-Schweiz prägen. Der Vorstand beginnt mit der Arbeit. Die neu hinzukommenden Mitglieder und das Sekretariat vertiefen die Tätgkeit in den darauf folgenden Jahren: Verbreiten von Pressemitteilungen der ROG über Verletzungen der Pressefreiheit rund um die Welt, Interventionen bei den Schweizer Behörden zu spezifischen Fällen, Organisation von Debatten rund um die Medien, gezielte Hilfe an Journalisten, die in der Schweiz politisches Asyl suchen.

Das erste grosse Projekt ist die Schaffung eines humanitären Radios in Ruanda in der schwierigen Phase nach dem Genozid. Anne-Marie Grobet begibt sich nach Afrika, um das Projekt fotografisch zu dokumentieren. Die Bilder, die diesen Fotoband eröffnen, sind eine Auswahl aus dem daraus entstandenen Buch. Die Fotografin erinnert sich:

"Während des Genozides in Ruanda - eine Million Tote in drei Monaten - beschloss Reporter ohne Grenzen ein unabhängiges Radio zu gründen in der Hoffnung, den Kampagnen jener, die zum Völkermord aufriefen, etwas entgegenhalten zu können und allen Ruandern eine neutrale Informationsquelle zu bieten. Drei Monate später, nach dem Sieg der FPR und dem Ende der Massaker, konnte das Radio endlich lanciert werden. Allerdings auf der anderen Seite der Grenze, dort wohin die Urheber des Genozides und ein Teil der Hutu Bevölkerung geflüchtet waren (im ganzen mehr als eine Million Menschen). Die Idee war, in erster Linie innerhalb von Ruanda zu senden. Aber in diesem traumatisierten und zu Grunde gerichteten Land wurde die Genehmigung niemals erteilt, erst recht nicht, als die Sendungen von der "anderen Seite" erfolgten. Radio Agatashya (übersetzt "Schwalbe") hat trotzdem seine Rolle als Bote und Pionier wahrgenommen und Tag für Tag versucht, unvoreingenommen zu informieren."

Das Projekt war jedoch umstritten und hat zu Veränderungen in der Leitung der Schweizer Sektion von ROG geführt. Mit einem positiven Ausgang: Diese Turbulenzen haben gleichzeitig zur Gründung einer bemekenswerten neuen Organisation geführt: Fondation Hirondelle ("Schwalbe"), die mit Erfolg unabhängige Radiosender in Ländern errichtet, welche sich in Krisen oder post-Konflikt Situationen befinden.

Was ROG-Schweiz betrifft, so haben bekannte Persönlichkeiten des französisch-sprachigen Schweizer Fernsehens (TSR) die Nachfolge übernommen: der Produzent und Reporter Renato Burgy war Präsident eines Vorstands, das sich aus Journalisten zusammensetzte, die aus demselben Holz geschnitzt waren wie Claude Torracinta, der Moderator der Vorzeigesendung Temps Présent, Romaine Jean, Massimo Lorenzi. Als nächstes war es die Reporterin und Schriftstellerin Laurence Déonna, die als Fackelträgerin des Präsidiums fungierte, bevor sie dieses ihrerseits 2003 an Gérald Sapey, ehemaliger Direktor der Tribune de Genève und des Radio Suisse Romande, übergab.

Einige der wichtigsten Ereignisse der letzten Jahre waren:

- Erste öffentliche Zeugenberichte des Internetdissidenten Ibrahim Lutfy (Malediven) und der irakischen Journalistin Thikra Mohammed Nader.

- Ein gemeinsam mit der Fondation Hirondelle und dem Schweizer Presseclub organisiertes Seminar mit dem Titel "Journalismus und Demokratie" für rund zwanzig Journalisten aus dem Kosovo.

- Ein öffentliches Rundtisch-Gespäch in Moskau zum Thema der Geiselnahme von Journalisten im Nord-Kaukasus, koordiniert von Thérèse Obrecht, der heutigen Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Schweiz.

- Die Organisation von zahlreichen Begegnungen: während der Internationalen Messe für Buch und Presse in Genf, z.B. zum Thema "Frauen, Presse, Freiheit" an der die spätere Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi teilnahm oder die ergreifenden Zeugenberichte von Michèle Montas, der Witwe des haitianischen Journalisten Jean Dominique, der im April 2000 ermordet wurde, und von Benoit Aubenas, Vater der französischen Journalistin Florence Aubenas, die sich damals seit mehreren Monaten in irakischer Geiselhaft befand.

Das ermutigende Wachstum der ROG-Schweiz misst sich auch anderswo. Aus der kleinen, von einer handvoll Freiwilligen ins Leben gerufenen Gruppe, war die Sektion innerhalb von fünfzehn Jahren zu einer Organisation mit mehr als 500 Mitgliedern angewachsen. Das Büro wird von einer Geschäftsführerin geführt (Christiane Dubois), die regelmässig von Praktikanten unterstützt wird. Wertvolle Arbeit leistet auch das Vorstands-Mitglied Hélène Sackstein, Repräsentantin von ROG bei den Vereinten Nationen, unter anderem bei der Menschenrechtskommission und weiteren internationalen Institutionen in Genf.

Die  Vorstands-Mitglieder, die über die Jahre dem Komitee angehörten, sind sich einig, dass seit 1990 ein weiter Weg zurückgelegt wurde. Bedauerlich ist einzig, dass es noch nicht gelungen ist, die ROG in der deutschen und italienischen Schweiz ebenso zu verwurzeln wie in der französischen Schweiz. 

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