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Fixer – die unsichtbaren Vermittler der Reporter
October 23rd, 2017

Fixer sind diejenigen, die ausländischen Medienschaffenden in Kriegs- und Krisengebieten helfen, sich zurechtzufinden, sich sicher zu bewegen, Kontakte und Geschichten zu finden. Dafür zahlen sie häufig einen hohen Preis. Denn sie bleiben zum Beispiel, anders als die ausländischen Medienschaffenden, im Land, wenn diese abreisen. ROG will auf ihre Situation aufmerksam machen.

Im Juni dieses Jahres starb Bakhtiyar Haddad, Journalist und Fixer in Mossul. Er war gemeinsam mit der schweizerisch-französischen Journalistin Véronique Robert und dem französischen Journalisten Stéphan Villeneuve unterwegs gewesen, um für die Sendung Envoyé Spécial von France 2 eine Reportage über den Vorstoss der irakischen Armee in der Altstadt von Mossul zu realisieren, als sie bei der Explosion einer Mine ums Leben kamen.

Fixer sind in vielen Fällen für Reporter, die in eine Kriegs- oder Krisenregion reisen, unverzichtbar: Sie sind die einheimischen Spezialisten, die für die ausländischen Reporterinnen und Reporter sehr vieles organisieren, «fixen», Begegnungen und Reisen etwa, Kontakte, Interviews, häufig schätzen sie aufgrund ihrer Kenntnis ein, ob ein Gebiet sicher ist oder nicht. Sie haben keinen offiziellen Status, doch sie sind für die Kriegsberichterstattung unverzichtbar, eine Art Kompass in einem chaotischen Universum, in dem ein gewalttätiger Konflikt alle üblichen Landmarken zum Verschwinden gebracht hat. Um ihre Arbeit sichtbarer zu machen und zu zeigen, wie gefährlich sie leben, wird ROG künftig eine separate Liste über Gewalttaten gegen Fixer führen. «Ohne Fixer gäbe es einen Grossteil der Berichterstattung nicht. Sie arbeiten hinter den Kulissen und riskieren dabei oft ihr Leben. Sie arbeiten für das gleiche Ziel wie Reporter, nämlich Information», sagt Christophe Deloire, Generalsekretär von ROG International.

«Ich biete einen Orientierungsdienst, mithilfe dessen sich die Journalisten schon vor ihrer Ankunft einarbeiten können», sagt etwa Bitta Bienvenu, Fixer in der Zentralafrikanischen Republik. Fixer sind gleichzeitig Dolmetscher und Logistikexperten, sie bieten den Reportern ihr ihr lokales Wissen, Wissen über ihre ethnische Gruppe, ihre Freunde und jede Art von Verbindung, die ihnen hilft, die Sicherheit der Journalisten zu gewährleisten. Oft sind die Fixer Schutzengel der Reporter.

Sie bezahlen Teuer

Wie die Journalisten, die sie in den Kriegsgebieten begleiten, gehen die Fixer enorme Risiken ein. Manchmal bleiben die Namen von Journalist und Fixer für immer verbunden – im Tod: Der Afghane Zabihullah Tamanna und der Amerikaner David Gilkey, der Ukrainer Andreï Mironov und der Italiener Andrea Rocchelli, der Palästinenser Ali Shehda Abu Afash und der Italiener Simone Camili  zum Beispiel wurden zwischen 2011 und 2016 gemeinsam durch Bomben oder Artilleriebeschuss getötet.

Doch die Gefahren für die Fixer sind nicht auf die Kriegszonen begrenzt. Ihr Vorteil, einheimisch zu sein, kann auch ihr grösster Nachteil sein. So wurde in Afghanistan zweimal ein Fixer getötet, als der Reporter, den er begleitete, gekidnappt wurde: Ajmal Nashqbandi wurde 2007 von seinen Entführern geköpft, Sultan Munadi wurde 2009 irrtümlich von den britischen Soldaten erschossen, die den britischen Journalisten Stephen Farrell aus der Gewalt seiner Entführer befreite.

 Als Fixer zu arbeiten, bedeutet, sich Bedrohungen verschiedener Art auszusetzen – und nicht nur an der Kriegsfront. Dutzende von lokalen Journalisten wurden im Irak, im Jemen, in Syrien und Afghanistan getötet, als sie als Fixer für ausländische Medienschaffende arbeiteten. Die Arbeit für ein ausländisches Medium kann sie zu Zielen von bewaffneten Gruppen machen, die Lösegeld erpressen wollen oder Medienschaffende hinrichten.

Akbar Khan, Mitglied einer führenden paschtunischen Familie in Afghanistan, hat vor 15 Jahren diese schreckliche Lektion gelernt. «Ich habe Warnungen erhalten», sagt er: «Mehrere Leute sagten mir, ich würde für die Arbeit mit ausländischen Journalisten teuer bezahlen.» Aber er hätte nie gedacht, dass seiner Familie etwas passieren würde: Dass sein zweijähriger Sohn entführt und dann getötet werden würde.

Ausländische Journalisten Reisen aus, FIXER bleiben

Ausländische Medienschaffende verlassen das Land wieder, die Fixer bleiben, wenn sie ihren Job getan haben. Der Zentralafrikaner Bitta Bienvenu erinnert sich an ein Foto, das einen Soldaten zeigte, der jemanden exekutierte; der ausländische Agentur-Fotograf, mit dem er als Fixer zusammenarbeitete, hatte es aufgenommen. Der Soldat rief die Agentur an und sagte, wenn er des Bildes wegen Probleme bekomme, werde er sie erschiessen. «Der Journalist reiste aus, ich blieb», sagt Bienvenu.

Die Erlebnisse in den Kriegs- und Konfliktgebieten hinterlassen Verletzungen und Narben.

«Dieser Job kann Menschen zerstören, weil sie angesichts so viel Elend und Leid in ihrem eigenen Land ohnmächtig sind», sagt Salar Salim Saber, ein Fixer im Nordirak und in Kurdistan. «Journalisten jagen grosse Stories, das ist ihr Job», sagt Ömer Faruk Baran, der im türkisch-syrischen Grenzgebiet drei Jahre lang für ausländische Medien gearbeitet hat. Aber all das «vergessene Leid», das sie mit seiner Hilfe aufgedeckt hätten, hätten ihn «unbeschreiblich» trauern lassen.

Zaher Said, Fixer in Syrien, und Abdulalaziz al-Sabri, Fixer im Jemen, sind heute vom Krieg traumatisierte Überlebende. Da sie während der Informationsbeschaffung im Kriegsgebiet immer wieder mit Tod und Gewalt konfrontiert gewesen waren und das Kriegsgebiet nie verlassen konnten, leiden sie heute an schweren Depressionen.

Als Spione verdächtigt

Selbst der Wechsel von einer Konfliktseite auf die andere kann für Fixer schwieriger sein als für die ausländischen Medienschaffenden. «Weil ich Donetsk komme, verdächtigen mich sowohl die ukrainische Regierung als auch die Separatisten der Spionage», sagt ein Fixer, der von den Geheimdiensten beider Seiten mehrmals verhaftet und verhört wurde. Ein Landsmann, Anton Skyba, wurde von Bewaffneten mitgenommen, als er eine US-TV-Crew nach Donetsk begleitete. Aufgrund von Protesten ausländischer Medien wurde er fünf Tage später freigelassen; sein Kopf war geschoren, sein Gesicht geschwollen. «Ich wollte diesen Alptraum einfach vergessen», sagt er.

Bereits der Umstand, dass Fixer für Ausländer arbeiten, kann Verdacht wecken. In einer angespannten Umgebung, in der jede Information als äusserst heikel empfunden werden kann, kann der geringste Vorfall dazu führen, dass ein Fixer beschuldigt wird, für einen realen oder imaginären Feind zu spionieren. Saïd Chitour, ein Fixer für BBC, France 24 und «Washington Post» in Algerien, leidet unter den Folgen: Er ist seit dem 5. Juni in Haft, da er verdächtigt wird, Ausländer mit geheimen Informationen versorgt zu haben, die die Interessen des Landes gefährden könnten.

zur Flucht gezwungen

Sowohl Bitta Bienvenu als auch Akbar Khan halfen bei der Erstellung von Berichten, bei denen eine der interviewten Personen später getötet wurde. In Bienvenus Fall wurde der Leiter einer bewaffneten Gruppe in der Zentralafrikanischen Republik eine Woche später von einer Patrouille von UN-Friedenstruppen und lokalen Gendarmen getötet. In Khans Fall wurde ein Taliban-Kommandeur in Afghanistan sechs Monate nach dem Interview von einer US-Drohne getötet. Beide Fixer wurden des Verrats beschuldigt.

Die danach ausgesprochenen Drohungen führten dazu, dass sich beide Männer verstecken mussten. Nach Wochen oder Monate des Lebens in Verstecken, flohen beide aus ihrem Land. Bienvenu sagt: «Ich bin nicht mehr frei. Ich fühle immer noch ein Gewicht auf mir.» Khan, der jetzt in Frankreich lebt, sagt: «Mein Kind und mein Land zu verlieren war ein zu hoher Preis, den ich bezahlen musste. Ich habe viel verloren, aber die Journalisten, denen ich geholfen habe, haben mir geholfen. Sie haben Dinge für mich getan, das hat mir viel Kraft gegeben.»

Mögliche Verbesserungen

Trotz der Probleme und Schwierigkeiten ihres Berufs sagten wenige der von ROG befragten Fixer, sie würden ihre Wahl bereuen. Das liegt daran, dass die meisten von ihnen lokale Journalisten sind, Journalisten werden wollen oder einfach in ihren Ländern «der Wahrheit» zum Durchbruch verhelfen wollen. Es sei «lehrreich und eine Ehre, mit führenden Medien und erfahrenen ausländischen Journalisten zusammenzuarbeiten», sagt Abdulaziz al-Sabri, der als Fixer und Kameramann im Jemen arbeitet. Doch als er während der Zusammenarbeit mit einem Al-Jazeera-Journalisten von einer bewaffneten Gruppe entführt wurde, hat sich gezeigt, dass das Fehlen eines Presseausweises oder eines Ausweises, der belegt, dass man für ausländische Medien arbeitet, ein Sicherheitsproblem darstellen kann. Wie auch bei Freiberuflern müssen die Medien darüber nachdenken, wie sie ihre Fixer besser schützen können.

 

Darüber hinaus sollten Versicherungen, Sicherheitstrainings und -Ausrüstungen (kugelsichere Westen und Helme) in Betracht gezogen werden. «Fixer brauchen denselben Rechtsschutz wie freiberufliche Journalisten», sagt Salar Salim Saber, ein Fixer, dessen Status sich verbessert hat, seit er für eine internationale Nachrichtenagentur in Erbil, Kurdistan, arbeitet. Er findet, die Namen der Fixer sollten routinemässig im Abspann von Fernsehberichten aufgeführt sein, wie das etwa bei der BBC der Fall ist. Denn, so Salar Salim Saber, die Fixer hätten «oft die Geschichte gefunden und die Interviews organisiert», ausserdem sollte die Härte ihres Berufes nicht durch einen Mangel an Anerkennung verstärkt werden. Die Erwähnung der Fixer würde sie auch für das Medienpublikum sichtbar machen.

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