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Schweizer Medienschaffende in Abu Dhabi und in Frankreich verhaftet und verhört
November 29th, 2017

In Abu Dhabi wurden zwei Schweizer Journalisten von RTS  während mehr 50 Stunden festgehalten und verhört, ihr Arbeitsmaterial wurde vernichtet. Wenig später wurde eine Schweizer Journalistin in Frankreich bei der Arbeit von der Gendarmerie angehalten und verhört. Reporter ohne Grenzen hat in beiden Fällen gegen die Behandlung der Medienschaffenden protestiert.
Zwei Journalisten von Radio Télévision Suisse (RTS) wurden am 9. November in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabische Emirate (VAE), festgenommen und während mehr als 50 Stunden festgehalten. Der Journalist Serge Enderlin und der Kameramann Jon Bjorgvinsson hatten zuerst Material für einen Bericht über die Einweihung des Museums Louvre Abu Dhabi gedreht und waren dann verhaftet worden als sie auf einem Markt in einem Stadtviertel filmten, in dem Zehntausende von Wanderarbeitern leben.
 
Sie wurden in Einzelhaft gehalten, mehrmals verhört, mehrmals an einen neuen Ort transportiert, jeweils mit verbundenen Augen. Einige Befragungen dauerten bis zu zehn Stunden. Nach einem «Nervenkrieg», wie Serge Enderlin sagte, wurden sie gezwungen, die Zugangscodes zu ihren Telefonen bekanntzugeben und Geständnisse zu unterschreiben.

«Wir verurteilen die unverhältnismässige Reaktion der Behörden gegen ausländische Journalisten, die ihre Arbeit getan haben, nachdrücklich», sagt Alexandra El Khazen, Leiterin des Nahost-Büros von ROG International: «Die Verhaftung und Inhaftierung dieser Journalisten und insbesondere erzwungene Geständnisse gehören zu einer Einschüchterungspraxis und zeigen klar ein grosses Misstrauen gegenüber medien, die über heikle Themen berichten, auf. Wir fordern die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate auch auf, die während dieser Festnahme konfiszierte Ausrüstung unverzüglich zurückzugeben.»

Das RTS-Team hatte eine Akkreditierung der VAE für die Einweihung des Louvre Abu Dhabi Museums und hatte eine zusätzliche Drehgenehmigung beantragt, die noch bearbeitet wurde. Die Behörden beschuldigten die beiden, pakistanische Arbeiter auf einem Markt am Rande der Hauptstadt gefilmt zu haben. Während des Verhörs wollte die Polizei wissen, weshalb sie diese Szenen gefilmt hatten und fragten die beiden, ob sie mit Nichtregierungsorganisationen oder Drittstaaten zusammenarbeiteten. Die schwierigen Arbeitsbedingungen von Wanderarbeitnehmern sind in den VAE weiterhin ein Tabuthema, insbesondere die kritische Berichterstattung einiger NGOs wie Human Rights Watch (HRW).

Am 12. November konnten die beiden Journalisten wieder in die Schweiz zurückkehren, mussten aber ihre gesamte Ausrüstung - Kamera, Computer und Festplatten – zurücklassen; sie wurde beschlagnahmt.

Bei Recherche über illegalen Grenzübertritt verhaftet

Einen Tag später wurde im französischen Departement Hautes-Alpes die «Le Temps»-Journalistin Caroline Christinaz von der Gendarmerie verhaftet. Sie hatte, gemeinsam mit dem französischen Journalisten Raphaël Krafft von «Radio France Culture», eine Recherche über die illegale Einreise von Migranten von Italien nach Frankreich durchgeführt. Dabei hatten sie zwei Bewohner der Region getroffen, die Migranten über den Col de l'Echelle nach Frankreich bringen. Gemeinsam mit ihnen und vier Minderjährigen aus Westafrika, die über die Grenze gekommen waren, waren die beiden Journalisten in zwei Autos unterwegs, als  sie an einer Strassensperre von der Gendarmerie aufgehalten wurden.

Die Migranten wurden von der Polizei weggebracht, die zwei Journalisten und zwei Bewohner wurden am nächsten Tag in die Polizeistation von Briançon vorgeladen. Caroline Christinaz, die ihren Presseausweis vorgelegt und erklärt hatte, dass sie an einem Bericht arbeite, wurde zwei Stunden lang verhört. Abgestützt auf das Recht des Quellenschutzes, verweigerte sie die Auskunft über die Personen, welche sie begleitet hatte. Sie wurde von der Gendarmerie über ihre persönlichen Verhältnisse befragt, um ihre finanzielle Situation abzuklären, damit die Höhe der Geldbusse festgelegt werden sollte. Ausserdem wurde sie fotografiert, ihre Fingerabdrücke wurden genommen und der Zugangscode zu ihrem Handy erfragt.

Die Journalistin wurde darüber informiert, dass sie mit einem Verfahren wegen Beihilfe zu unerlaubter Einreise oder irregulärem Aufenthalt von Ausländern in Frankreich rechnen müsse, was mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft wird. Ihr französischer Kollege hingegen, der später ebenfalls vorgeladen wurde, wurde nur als Zeuge befragt. Offenbar hatte die Justizbehörde in der Gendarmerie von Briançon zwischen den beiden Befragungen eingegriffen.

Reporter ohne Grenzen verurteilt die Befragung von Caroline Christinaz durch die Gendarmerie. Sie wurde als Verdächtige behandelt, weil sie ihre Arbeit tat; damit wurden ihre Rechte als Journalistin verletzt.
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