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	<title>Newsletter RSF Schweiz 2022-03 | Reporter ohne Grenzen</title>
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		<title>Der Iran, eines der grössten Gefängnisse der Welt für Journalistinnen und Journalisten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[rsfsuisse]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Oct 2022 09:58:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Newsletter RSF Schweiz 2022-03]]></category>
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					<description><![CDATA[Editorial Die iranische Journalistin Nilufar Hamedi war eine der ersten, die am 16. September den Tod von Mahsa Amini bekanntmachte. Diese, eine 22-jährige Frau, war drei Tage zuvor von der Sittenpolizei verhaftet worden, weil sie ihren Schleier nicht korrekt getragen hatte. Ihr Tod löste in Iran die bisher grösste Protestbewegung aus; sie reisst bis heute [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2>Editorial</h2>
<p>Die iranische Journalistin Nilufar Hamedi war eine der ersten, die am 16. September den Tod von Mahsa Amini bekanntmachte. Diese, eine 22-jährige Frau, war drei Tage zuvor von der Sittenpolizei verhaftet worden, weil sie ihren Schleier nicht korrekt getragen hatte. Ihr Tod löste in Iran die bisher grösste Protestbewegung aus; sie reisst bis heute nicht ab.</p>
<p>Nilufar Hamedi war auch eine der ersten Journalistinnen, die verhaftet wurden. Medienschaffende gehören zurzeit zu den ersten Zielen der Polizei des Regimes. Laut der Aussage eines iranischen Journalisten, der unserer Organisation unter Zusicherung seiner Anonymität Auskunft gab, ist die Unterdrückung von Medienschaffenden seit Beginn der Unruhen so stark wie seit fünf Jahren nicht mehr. Nirgendwo scheint es Sicherheit zu geben, denn sowohl in Teheran wie auch in Kleinstädten werden Verhaftungen angeordnet.</p>
<p>Es ist schwierig, etwas anderes zu erwarten in einem Land, das auf der von RSF jährlich veröffentlichten Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 178 von 180 Ländern steht. Seit letztem Monat wurden 31 Medienschaffende festgenommen. 27, darunter zehn Frauen, sind laut Zählung von RSF nach wie vor in Haft. Dazu kommen 14, die bereits vorher im Gefängnis waren. Mit mehr als 40 inhaftierten Journalistinnen und Journalisten ist der Iran nun das drittgrösste Gefängnis für Medienschaffende weltweit, nach China (102) und Burma (67). Zu diesen Inhaftierungen – die manchmal mit Folter einhergehen – kommen noch Internetausfälle und VPN-Blockaden hinzu, die den Zugang der iranischen Öffentlichkeit zum Internet und zu sozialen Netzwerken verhindern.</p>
<p>Umso beeindruckender ist, angesichts dieser Unterdrückung, der Mut der Demonstrierenden und der Medienschaffenden, die trotz allem versuchen, so realitätsnah wie möglich über die Ereignisse zu berichten. RSF fordert den Iran auf, die Repressionen gegen Journalisten und Journalistinnen zu beenden und diejenigen, die inhaftiert sind, freizulassen. Wie die französisch-iranische Autorin und Journalistin Farida Hachtroudi, die am 3. Oktober in der <a href="https://www.rts.ch/play/tv/19h30/video/19h30?urn=urn:rts:video:13432511">Sendung <em>19h30</em> von RTS</a> zu Gast war, so treffend formulierte: «Die Welt hat ihre Augen auf den Iran gerichtet, und die jungen Leute werden nicht lockerlassen.» Aber zu welchem Preis? Man wagt es kaum, sich das vorzustellen.</p>
<h6>Denis Masmejan, Generalsekretär RSF Schwe<a href="https://rsf-ch.ch/de/newsletter-2/" target="_blank" rel="noopener">iz</a></h6>
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		<title>Wie steht es um die Vielfalt?</title>
		<link>https://rsf-ch.ch/de/wie-steht-es-um-die-vielfalt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[rsfsuisse]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Oct 2022 09:57:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Newsletter RSF Schweiz 2022-03]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Qualität der Medien in der Schweiz hat sich verbessert – aber nur in drei von vier Kategorien, sagt das neue Medienqualitätsrating (MQR) 2022*. Im Bereich «thematische und geografische Vielfalt» ist sie gesunken. Sorgen macht Daniel Vogler, Mitautor der MQR-Studie und Forschungsleiter des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) an der Universität Zürich, auch der Rückgang [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Qualität der Medien in der Schweiz hat sich verbessert – aber nur in drei von vier Kategorien, sagt das neue <a href="https://www.mqr-schweiz.ch/de/startseite.html">Medienqualitätsrating (MQR) 2022</a>*. Im Bereich «thematische und geografische Vielfalt» ist sie gesunken. Sorgen macht Daniel Vogler, Mitautor der MQR-Studie und Forschungsleiter des <a href="https://www.foeg.uzh.ch/de.html">Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög)</a> an der Universität Zürich, auch der Rückgang im Bereich «Medien- und Meinungsvielfalt», der sich in anderen Studien zeigt <em>(Foto Keystone SDA)</em>.<em><strong> </strong></em></p>
<p>Das MQR attestiert den untersuchten Schweizer Medien insgesamt einen Qualitätszuwachs in den Bereichen Relevanz, Einordnung und Professionalität, stellt aber einen Qualitätsrückgang im Bereich Vielfalt fest. Was bedeutet in diesem Zusammenhang «Vielfalt» – eine Vielfalt an Medien oder eine Vielfalt an Themen? RSF Schweiz hat bei Daniel Vogler nachgefragt.</p>
<p><strong>&#8211; Der Befund des MQR 2022 klingt als erstes sehr positiv: Die Medien haben sich bei drei von vier Qualitätsindikatoren gesteigert. Doch im Bereich Vielfalt ist die Qualität gesunken. Was bedeutet das?</strong></p>
<p><strong>&#8211; Daniel Vogler:</strong> Es ist grundsätzlich erfreulich, dass die drei Indikatoren Relevanz, Einordnung und Professionalität gestiegen sind. Aber die Vielfalt ist natürlich ein sehr wichtiger Indikator im Journalismus, deshalb ist dieser Qualitätsverlust schwerwiegend. Allerdings hat der Vielfaltsverlust auch mit der Corona-Pandemie zu tun, das war ja <em>das </em>grosse politische und relevante Thema, auf das man sich fokussiert hat. Es hat andere Themen wichtige zum Teil verdrängt. Aktuell haben wir ja auch eine tendenziell monothematische Nachrichtenlage mit dem Krieg gegen die Ukraine.</p>
<p><strong>&#8211; Was wird beim Indikator «Vielfalt» gemessen?</strong></p>
<p>&#8211; Wir messen bei der Inhaltsanalyse die thematische und die geografische Vielfalt. Es braucht einen gesunden Mix, weil wir ja General-Interest-Medien untersuchen. Themenvielfalt bedeutet also auch, dass das Medium neben einer einordnenden Politikberichterstattung und Wirtschaftsthemen auch Sport oder Softnews liefert. Bei der geografischen Vielfalt unterscheiden wie zwischen regionalen, nationalen und internationalen Themen. Wenn ein Medium alle Perspektiven ähnlich berücksichtigt, schliesst es gut ab. Was wir momentan leider nicht untersuchen können, ist die Meinungsvielfalt oder die Vielfalt der Akteure, die in den Medien vorkommen, da das methodisch sehr aufwändig zu messen ist.</p>
<p><strong>&#8211; Wenn es um die Informationsfreiheit geht, sind die Meinungs- und damit die Medienvielfalt aber sehr wichtig.</strong></p>
<p>&#8211; Genau. Wenn wir nur ein Medium hätten, das aber bei all unseren Kriterien sehr gute Qualität liefert, hätten wir keine Meinungsvielfalt. Sie ist schon ein sehr zentraler Aspekt. Das merkt man vor allem, wenn sie nicht existiert – in Ländern, in denen die Medien beispielswiese staatlich gesteuert werden.</p>
<p>Beim MQR fragen wir nicht danach. Aber in vielen Studien stellen wir in der Schweiz einen Vielfaltsverlust fest. Im fög-«Jahrbuch Qualität der Medien» untersuchen wir Medienqualität, Mediennutzung, Medienkonzentration und Finanzierung sowie die Entwicklung des Schweizer Mediensystems. Dabei kommen wir in den letzten Jahren immer wieder zum Schluss: Die Schweizer Medien arbeiten eigentlich gut und berichten auch relevant, sie erreichen im internationalen Vergleich eine hohe Qualität, aber im Bereich Vielfalt verlieren sie an Qualität. Das ist demokratietheoretisch besorgniserregend.</p>
<p><strong>&#8211; Woran liegt das?</strong></p>
<p>&#8211; Ein wichtiges Thema sind sicherlich die grossen Verbundsysteme der CH Media und der zur TX Group gehörenden Tamedia. In diesen beiden Verbundsystemen werden die Inhalte für verschiedene Tageszeitungen und ihre Online-Auftritte in Zentralredaktionen hergestellt.  Dadurch erhalten die einzelnen Artikel sehr hohe Reichweiten. Etwas zugespitzt kann man sagen, dass in der Schweiz neben SRG, NZZ und den kleinen Medien noch zwei grosse Redaktionen existieren. Wenn man von Medienvielfalt in der Schweiz spricht, ist das eine besorgniserregende Tendenz.</p>
<p><strong>&#8211; Was bedeutet das für die Regionen?</strong></p>
<p>&#8211; Sie kommen weniger zum Zug. Wenn der Zeitungsmantel in Aarau gemacht wird, spielen St. Gallen oder Luzern tendenziell eine weniger grosse Rolle. Die internationale Forschung zeigt, dass bei einer Zentralisierung die Redaktion in diesem Zentrum etwas gefangen ist. Sie ist dann weniger bewandert in den übrigen Regionen. Zwar gibt es nach wie vor Regionalredaktionen, aber es fehlt zum Beispiel bei Abstimmungen die kantonale Perspektive auf nationale Themen.</p>
<p>Und es ist natürlich auch eine grosse Machtkonzentration. Sie bestimmen mit, wer überhaupt öffentliche Beachtung findet und zu Wort kommt. Man kann sich ein Extrembeispiel vorstellen: Wenn die Tamedia oder die CH Media mit ihren hohen Reichweiten eine Kampagne gegen einen Politiker oder eine Politikerin oder eine Organisation führen würden, hätten die betroffenen Akteure wenig Chancen, zu Wort zu kommen und den Vorwürfen zu entgegnen.</p>
<p><strong>&#8211; Was ist nach Ihrer Einschätzung zentral für die Informationsfreiheit in der Schweiz?</strong></p>
<p>&#8211; Wichtig ist, dass der Zugang zur Publizität sichergestellt ist. Nicht nur für Akteure, die sich politisch engagieren, sondern auch für alle anderen relevanten Akteure, also NGOs, Hochschulen, Unternehmen und Einzelpersonen. Sie sollen ihre Positionen in die Öffentlichkeit bringen können. Auch Minderheiten müssen gehört werden. Im Moment sind wir in der Schweiz nach meiner Einschätzung noch in einer guten Situation, das Mediensystem funktioniert sehr gut. Aber gerade unsere Befunde zur Vielfalt zeigen auch besorgniserregende Tendenzen.</p>
<p><em>*Das Medienqualitätsrating (MQR) erscheint alle zwei Jahre. Im Auftrag des <a href="https://medienqualitaet-schweiz.ch/index.html">Stiftervereins Medienqualität Schweiz</a> wird die Qualität der reichweitenstärksten Informationsmedien aus der Deutschschweiz und der französischsprachigen Schweiz in den Gattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online gemessen. Dafür wird die Qualität der Berichterstattung mit einem inhaltsanalytischen Verfahren erfasst; für diesen Teil ist das <a href="https://www.foeg.uzh.ch/de.html">Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög)</a> an der Universität Zürich zuständig. Gleichzeitig erheben das <a href="https://www.unifr.ch/dcm/de/">Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (DCM)</a> an der Universität Fribourg und das <a href="https://www.hslu.ch/de-ch/wirtschaft/institute/ikm/">Institut für Kommunikation und Marketing (IKM)</a> der Hochschule Luzern mittels einer repräsentativen Umfrage die Qualitätswahrnehmung bei der Bevölkerung. Die Grundlage der Forschung bilden vier Qualitätsdimensionen: Relevanz, Einordnung, Professionalität und Vielfalt.</em></p>
<h6>DAS INTERVIEW MIT DANIEL VOGLER FÜHRTE BETTINA BÜSSER, KOORDINATORIN DEUTSCHSCHWEIZ VON RSF SCHWEIZ, AM 5. OKTOBER 2022</h6>
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			</item>
		<item>
		<title>«Ich sehe noch grosse juristische Kämpfe für den investigativen Journalismus»</title>
		<link>https://rsf-ch.ch/de/ich-sehe-noch-grosse-juristische-kaempfe-fuer-den-investigativen-journalismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[rsfsuisse]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Oct 2022 09:55:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Newsletter RSF Schweiz 2022-03]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Hörsaal ist voll, als der Journalist und Produzent von Temps présent, Jean-Philippe Ceppi, an diesem Mittwoch, 7. Oktober 2022, an der Universität Lausanne-Dorigny – erfolgreich – seine Doktorarbeit in Geschichte verteidigt. Sein Thema: Die versteckte Kamera im Fernsehjournalismus in Frankreich, den USA, Grossbritannien und der Schweiz zwischen 1960 und 2015. 675 eng bedruckte Seiten, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Hörsaal ist voll, als der Journalist und Produzent von <em>Temps présent, </em>Jean-Philippe Ceppi, an diesem Mittwoch, 7. Oktober 2022, an der Universität Lausanne-Dorigny – erfolgreich – seine Doktorarbeit in Geschichte verteidigt. Sein Thema: Die versteckte Kamera im Fernsehjournalismus in Frankreich, den USA, Grossbritannien und der Schweiz zwischen 1960 und 2015. 675 eng bedruckte Seiten, eine von der Jury der Doktorarbeit gelobte Leistung für jemanden, der nebenbei noch einschränkende berufliche Verpflichtungen hatte. Ceppi ist ein sehr erfahrener Reporter, der während des Völkermords aus Ruanda berichtete, aus Südafrika, aus Kenia. Er ist ein würdiger geistiger Sohn des Freiburger Journalisten Roger de Diesbach, eines Pioniers des investigativen Journalismus in der Schweiz, und hatte immer eine offensive und hartnäckige Vorstellung vom investigativen Journalismus.</p>
<p><strong>&#8211; Weshalb haben Sie dieses Thema gewählt? </strong></p>
<p><strong>&#8211; Jean-Philippe Ceppi:</strong> Mir fiel auf, dass fast überall auf der Welt, auch in Ländern wie Ghana oder Indien, sehr spektakuläre und aussagekräftige Reportagen mit versteckter Kamera gedreht wurden. 2003 strahlte die BBC beispielsweise <em>The Secret Policeman </em>aus, einen Dokumentarfilm, der mit versteckter Kamera von einem in die Polizei von Manchester eingeschleusten Reporter gedreht wurde und den Rassismus der Polizisten aufzeigte. Und zur gleichen Zeit gab es in der Schweiz eine repressive Welle. So wurden etwa <em>Kassensturz</em>-Reporter verurteilt, weil sie einen Versicherungsmakler in eine Falle gelockt hatten – und erst viel später vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte rehabilitiert. 2012 sorgte der Einsatz einer versteckten Kamera für einen Bericht von <em>Temps présent </em>über Auftragskiller intern für sehr viel Wirbel. Ich sagte mir, dass in der Schweiz etwas nicht stimmt. Zwischen 2008 und 2015 gab es ein generelles Verbot für den Einsatz von versteckten Kameras. Der zweite Grund für die Themenwahl war, dass ich intellektuell Lust hatte, die Bedeutung meines Berufs zu. Und da ich eine Vorliebe für Geschichte habe, die ich an der Universität studiert hatte, begann ich mit einer Doktorarbeit.</p>
<p><strong>&#8211; </strong><strong>Bei der Lektüre Ihrer Dissertation, hat man den Eindruck, dass die angelsächsischen Medien die Vorreiter bei der Verwendung der versteckten Kamera waren. Trifft das zu?</strong></p>
<p>&#8211; Dies trifft nicht auf den Undercover-Journalismus zu, der in gewisser Weise der Vorläufer der versteckten Kamera ist. Bereits im 19. Jahrhundert verstellten oder verkleideten sich Journalisten, um verborgene Informationen aufzudecken, sowohl in Frankreich wie auch in der angelsächsischen Welt. Es stimmt jedoch, dass mit dem Aufkommen des Fernsehens die Pioniere der Verwendung der versteckten Kamera in Grossbritannien und den USA zu finden sind. In Frankreich und auch in der Schweiz gab es sehr schnell ein Verbot. Die Gesetze untersagten die Verwendung von versteckten Kameras, um das Recht auf Privatsphäre und Geheimhaltung zu schützen. Die Frage des überwiegenden öffentlichen Interesses, das, wenn es erwiesen ist, den Einsatz eines solchen Mittels rechtfertigen können muss, wird in der Debatte praktisch nicht erwähnt. Dies, obwohl sie in Grossbritannien seit Ende der 1960er Jahre sehr präsent ist. Ausserdem existierte vor den 1980er Jahren die Idee des investigativen Journalismus im französischsprachigen Raum kaum – mit der bemerkenswerten Ausnahme des <em>Canard Enchaîné </em>–, während sie in den USA seit Anfang des 20. Jahrhunderts lebendig ist. Als ich Ende der 1980er Jahre mit dem Journalismus begann, konnte man die investigativen Journalisten in der Schweiz beinahe noch an einer Hand abzählen.</p>
<p><em> &#8211; </em><strong>Woher kam diese helvetische Zurückhaltung?</strong></p>
<p><em>&#8211; </em>Man darf den verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Rahmen nicht ausser Acht lassen. In den USA drückt der erste Zusatzartikel zur Verfassung («First Amendment») ein grosses Bestreben aus, die Freiheit der Journalisten eng mit der Gesundheit einer Demokratie zu verknüpfen. In Grossbritannien spielt paradoxerweise der ungebremste wirtschaftliche Wettbewerb, der auf das 19. Jahrhundert zurückgeht, eine entscheidende Rolle für die Freiheit der Journalisten: Die Herausgeber der grossen Zeitungen sind sehr mächtig, und kein Hemmnis darf ihren Wettbewerb untereinander einschränken. Nachteilig ist zwar die Entwicklung einer ungebremsten Boulevardpresse, aber der Vorteil ist, dass Fernsehjournalisten die gleiche Freiheit zur Undercover-Recherche beanspruchten, die den Printmedien zugestanden wurde.</p>
<p>Frankreich stand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lange Zeit unter der Herrschaft eines sehr autoritären Gaullismus, zumindest am Ende. Was die Schweiz betrifft, so möchte ich das Motto des <em>Canard Enchaîné </em>zitieren: «Die Pressefreiheit geht nur verloren, wenn man sich ihrer nicht bedient.» Die Journalisten in der Schweiz haben von dieser Freiheit wenig Gebrauch gemacht. Weshalb? Ich habe keine definitive Antwort. Ist es unsere atavistische Kultur der Diskretion und Geheimhaltung, der Puritanismus? Auf jeden Fall ist der Umgang mit der Idee der Transparenz in unserem Land sehr, sehr zurückhaltend. Was die versteckte Kamera betrifft, stelle ich eine Art Anachronismus in der Schweiz fest, eine Diskrepanz zum weltweiten Trend zu mehr Transparenz, insbesondere dank der Whistleblower. Und wir sind noch nicht weitergekommen Ich sehe noch grosse juristische Kämpfe, die wir führen müssen. Schweizer Fernsehen SRF hat dies seinerzeit im Fall der versteckten Kamera beim <em>Kassensturz </em> getan, aber es gibt heute noch einen weiteren Kampf: denjenigen gegen die Anwendung des Strafrechtsartikels über das Bankgeheimnis auf Journalisten, die gestohlene Bankdaten veröffentlichen. Er muss geführt werden.</p>
<p><strong>&#8211; </strong><strong>In den 1960er Jahren hat sich der stellvertretende Direktor der BBC, Oliver Whitley, für die Verwendung versteckter Kameras eigesetzt, gleichzeitig aber eingeräumt, dass der Einsatz von versteckten Kameras «to skate on dangerously thin ice». Diese Formulierung verwenden Sie als Titel Ihrer Dissertation. Die Gefahr des Missbrauchs ist real, oder?</strong></p>
<p>&#8211; Das bestreite ich nicht. Die Gefahr besteht darin, dass die versteckte Kamera dauernd eingesetzt wird – weil sie die Einschaltquoten erhöht –, ohne dass ihr Einsatz durch ein überwiegendes öffentliches Interesse gerechtfertigt ist. Es braucht einen strikten Rahmen. Sonst gerät man in ein Missverhältnis zwischen dem eingesetzten Mittel und den enthüllten Tatsachen und schiesst am Ende mit Kanonen auf Spatzen. Der Konsumjournalismus in den USA ist manchmal in diese Falle getappt. Es besteht die Gefahr des Voyeurismus, aber man muss sich über dieses Wort im Klaren sein, denn die Neugier der Öffentlichkeit zu befriedigen, ist das Wesen des Journalismus. Das wohl krasseste Beispiel für die möglichen Auswüchse war die Sendung <em>To Catch a Predator </em>in den USA. Dabei handelte es sich um eine Reality-Show, bei der sich Journalisten als Minderjährige ausgaben und Pädophile in ein mit Mikrofonen und Kameras gespicktes Haus lockten. Die Polizei wurde vorher benachrichtigt und die Verhaftungen wurden gefilmt. Die Sendung wurde eingestellt, nachdem sich einer der Protagonisten vor laufender Kamera das Leben genommen hatte.</p>
<p>Ich selbst habe eine versteckte Kamera in einem Bordell in Lausanne eingesetzt. Es handelte sich um eine Story von <em>Temps Présent</em>, <em>Sex is money</em>, bei der es um Prostitution ging. Die Sequenz aus dem Bordell bildete den Auftakt. Ich gebe heute zu, dass sie nicht notwendig war. Es war eine sehr gute Illustration, die Frauen waren nicht erkennbar, aber die Sequenz ist unangenehm. Wir hätten es anders machen können.</p>
<p><strong>&#8211; Die versteckte Kamera ist auch ein wirksames Mittel, um Menschen zum Lachen zu bringen. Was hat das Verbergen zu Unterhaltungszwecken mit dem Verbergen aus investigativen Gründen zu tun?</strong></p>
<p>&#8211; Es sind unterschiedliche Fernsehdispositive, sie haben jedoch Reality-TV als Überschneidung. Ein gutes Beispiel für diese Überscheidung ist die Sendung <em>Undercover Boss</em>, die in den USA ausgestrahlt wird. Sie ist eine Adaption einer britischen Sendung und läuft derzeit in der französischen Version unter dem Titel <em>Patron incognito</em> auf M6. Dabei wird der Chef eines grossen Unternehmens mit versteckter Kamera in seine eigene Firma eingeschleust. Es ist ein spannendes soziales Experiment, und der Chef wird am Ende gefragt, was er festgestellt hat. Ein solcher Einsatz der versteckten Kamera ist gleichzeitig unterhaltsam und lehrreich. Um die aktuellen Debatten über die Definition von Geschlechtern und die Beziehungen zwischen ihnen zu veranschaulichen, plant <em>Temps Présent, </em>acht Personen unterschiedlicher Geschlechter in mit Kameras ausgestatteten Räumen zusammenzubringen. Die Teilnehmer wissen das zwar, aber wir glauben, dass das Experiment interessante Dinge ans Licht bringen wird.</p>
<p><strong>&#8211; </strong><strong>Wird die Digitalisierung und das darin enthaltene Risiko der Manipulation nicht das Ende der versteckten Kamera bedeuten? Sie beruht ja auf der Idee, dass Bilder nicht lügen.</strong></p>
<p>&#8211; Ich würde vorher eine andere Frage stellen: Wird es noch notwendig sein, auf die versteckte Kamera zurückzugreifen, wenn es weltweit fünf Milliarden Mobiltelefone gibt, mit denen man praktisch alles jederzeit filmen kann? Was sich durch die Digitalisierung nicht ändern wird, ist die Rolle der Journalisten, die darin besteht, Bilder zu überprüfen und zu kontextualisieren. Nehmen wir als Beispiel die Gräueltaten in Butscha in der Ukraine. Die <em>New York Times </em>hatte vier Quellen: Satellitenbilder, Bilder, die von Internetnutzern vor Ort aufgenommen und über soziale Netzwerke verbreitet wurden, Überwachungskameras und Zeugenaussagen, die vor Ort gesammelt wurden. Das ist in meinen Augen der investigative Journalismus der Zukunft.</p>
<p><strong>&#8211; Wenn du eine Sendung nennen müsstest, die den Einsatz einer versteckten Kamera rechtfertigt, welche würdest du wählen?</strong><strong> </strong></p>
<p>&#8211; Es handelt sich um eine <em>Temps Présent &#8211;</em>Sendung<em>, </em>die mich sehr beeindruckt hat: «Les vieux ont-ils des têtes à claques?» («Haben die Alten Ohrfeigengesichter?») Das war 1997. <em>Temps Présent </em>hatte Bilder verwendet, die Mitarbeiter eines Altersheims heimlich aufgenommen hatten, und die zeigten, wie alte Menschen gefesselt wurden. Die Sendung führte aus verschiedenen Gründen zu sehr starken internen Spannungen. Dennoch haben diese Bilder die Westschweiz sehr schockiert und eine Flut von Reaktionen, Presseartikeln, eine Debatte im Waadtländer Grossen Rat und eine Untersuchungskommission ausgelöst. All dies führte zu erheblichen Verbesserungen bei der Betreuung von Pflegeheimbewohnern. Und wir sprechen hier von den Bildern eines eineinhalb Minuten dauernden Films! Ich denke, sie haben unseren Blick auf Pflegeheime verändert. Interessant wäre es nun zu untersuchen, welche Wirkung die Bilder mit versteckter Kamera haben, um zu sehen, was sie verändert haben.</p>
<h6>Interview: Denis Masmejan, Generalsekretär von RSF Schweiz</h6>
<p><em> </em><em>Jean-Philippe Ceppi: «Glisser sur une glace dangereusement fine» &#8211; La caméra cachée en journalisme de télévision, France, Etats-Unis, Grande-Bretagne, Suisse (1960-2015) (erscheint demnächst).</em></p>
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<p>&nbsp;</p>
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