Cybersicherheit für Journalistinnen und Journalisten

by Jul 30, 2026

Warum wir uns für Digitale Sicherheit engagieren

Pressefreiheit und der Schutz von Journalistinnen und Journalisten hängt auch von deren digitaler Sicherheit ab. In der Schweiz wie auch anderswo sehen sich Medienschaffende und Redaktionen zunehmenden Bedrohungen ausgesetzt, sei das in Form von Überwachung, Phishing, Spyware, Einschüchterungen oder Versuchen, Quellen zu kompromittieren. RSF Schweiz baut darum Fachwissen und Ressourcen im Bereich Cybersicherheit auf, um Medienschaffenden zu helfen, sicher zu arbeiten und deren Quellen zu schützen – egal, ob sie über Lokalpolitik oder risikoreiche investigative Themen berichten.

Medienschaffende sind bevorzugte Ziele der Überwachung, sei es durch staatliche Akteure, kriminelle Gruppen oder Unternehmen, die ihre Interessen schützen wollen. Die Schweiz bleibt davon nicht verschont. In einer Studie, die vom Bundesamt für Kommunikation BAKOM in Auftrag gegeben wurde, gaben Ende 2025 17% der befragten Medienschaffenden an, bereits mindestens einmal Opfer von Phishing-Mails, Hacker- oder Cyber-Angriffen oder von gefälschten Emails geworden zu sein.

Werden Quellen kompromittiert und deren Identität preisgegeben, gefährdet das deren Freiheit oder gar deren Leben. Darum ist digitale Sicherheit sowie ein solider Quellenschutz für alle Medienschaffenden von zentraler Bedeutung – vor allem, wenn sie Informationen von Quellen erhalten, deren Identität aus Sicherheitsgründen anonym bleiben muss.

Der praktische Leitfaden von RSF

Deswegen hat RSF einen praktischen Leitfaden zur Cybersicherheit verfasst, der die wichtigsten Massnahmen zum besseren digitalen Schutz beinhaltet. Der Leitfaden entstand aus einer einfachen Feststellung: Die Anforderungen zur Cybersicherheit eines Journalisten, der über politische Themen schreibt, können sich stark von den Anforderungen einer Korrespondentin unterscheiden, die im Ausland über kriminelle Netzwerke recherchiert.

Es geht dabei nicht darum, für alle die gleichen Massnahmen anzuwenden, sondern das tatsächliche Risiko einzuschätzen und entsprechend zu handeln. Deswegen schlägt RSF ein modulares, vierstufiges System vor, mit Massnahmen bei einem bestehenden Grundrisiko, bei einem erhöhten Risiko, bei einem stark erhöhten Risiko sowie bei einem sehr hohen Risiko. Betroffene Medienschaffende können damit in einem ersten Schritt ihr eigenes Risiko abschätzen und in einem zweiten Schritt die für ihre jeweilige Situation passende Massnahmen anwenden. 

Klicken Sie untenstehend auf eines der vier Risikoprofile, um die von uns vorgeschlagenen entsprechenden Massnahmen zu konsultieren. Die vier Stufen sind dabei kumulativ zu verstehen: Das Risikoprofil B umfasst sämtliche Vorkehrungen  von Profil A, plus eine Reihe komplementärer Massnahmen. Profil C umfasst wiederum zusätzliche Massnahmen, plus die Vorkehrungen von Profil A und B. Und das höchste Risikoprofil D umfasst selbstredend sämtliche Massnahmen der Profile A, B und C sowie weitere komplementäre Vorkehrungen.

A. Basismassnahmen

Bei politischer Berichterstattung auf Grundlage offizieller Informationen besteht ein Grundrisiko der Überwachung und der Kompromittierung der eigenen Quellen. Folgende Massnahmen sind für das Risikoniveau A zu empfehlen.

  • 01. Betriebssysteme auf PC und Geräten sowie Programme wöchentlich aktualisieren und regelmässige Backups machen.
  • 02. Passwörter verwenden, die lange und zufällig sind. Passwort-Manager verwenden, der mit zweitem Faktor (Passkey o. App für Einmalcodes) gesichert ist. Passwörter nie im Browser speichern!
  • 03. Alle Konten über einen zweiten Faktor sichern (Fido2, Passkey, App mit Einmalcode OTP oder SMS/E-Mail).
  • 04. Kommunikation über sichere Kanäle wie Signal, Threema oder Element führen. Apps mit Registrierungssperre sichern.
  • 05. Zugeschickte Links, QR-Codes & Dokumente stets prüfen: Was spricht für deren Legitimität? Warnsignale? Wo immer möglich die Herkunft durch einen Anruf oder eine Rückfrage auf einem anderen Kommunikationskanal prüfen.
  • 06. PC-Harddisk verschlüsseln. (Bitlocker bei Windows, FileVault bei Mac, Luks bei Linux.) Externe Speicherplatten ebenfalls verschlüsseln.
  • 07. Öffentliche WLAN-Verbindungen meiden. Nutzung nur mit VPN (bspw. WireGuard) zum Heim-/Geschäftsnetzwerk oder mit VPN wie MullvadVPN, IVPN, ProtonVPN durchführen. Nie einem gratis VPN vertrauen.
  • 08. Keine öffentlichen USB-Ladestationen verwenden.
  • 09. Private Daten (Adresse, Geburtsdatum, Passnummer, etc.) nur wenn wirklich nötig preisgeben. Falsche Daten anzugeben ist eine Form des Selbstschutzes.
  • 10. Keine physischen Notizen & Dokumente herumliegen lassen.
B. Anonymität im Netz

Bei Recherche-Journalismus und Berichterstattung auf Basis frei zugänglicher Informationen sind sämtliche Massnahmen von Niveau A anzuwenden, plus weitere Massnahmen für besseren Datenschutz notwendig.

  • 01. Web-Dienste anonym nutzen, Wegwerf-Mail-Adressen oder Mail-Weiterleitungen verwenden. Social-Media-Recherchen mit anonymen Profilen (sogenannten «Sock Puppets») durchführen.
  • 02. Keine persönlichen Daten in KI-Modelle eingeben; das sind keine Suchmaschinen. Google nur für spezifische Zwecke nutzen, ansonsten auf Alternativen wie DuckDuckGo oder StartPage.
  • 03. Logout von Google oder Social Media, wenn diese Dienste nicht genutzt werden. In gleicher Weise Browser-Tabs schliessen, wenn sie nicht gebraucht werden.
  • 04. Tracking limitieren mit PrivacyBadger / uBlockOrigin. Browser-Sicherheit auf «strikt» stellen. Cookies löschen. Achtung bei Browser-Erweiterungen: Sie bergen das Risiko, das Gerät zu infizieren.
  • 05. Keine Bemerkungen zu laufenden Recherchen auf Social Media oder im Small Talk machen. Vorsicht bei Gesprächen an öffentlichen Orten. Regelmässige offline-Backups machen.
C. Quellenschutz

Ein stark erhöhtes Risiko ist bei der Recherche und Berichterstattung zu Korruption, Waffen-, Menschen-, oder Drogenhandel, Migration, Extremismus, Betrug, religiösen Gruppierungen, Randgruppen, autoritären Regimen oder Geheimdiensten zu erwarten. Für die Arbeit in diesen Bereichen gelten sämtliche Massnahmen von Niveau A und B sowie zusätzliche Vorkehrungen für den Quellenschutz.

  • 01. Privatadresse bei Gemeinde, Post und Teledata sperren; Autonummer beim Strassenverkehrsamt sperren lassen. Sicherstellen, dass Umfeld, Familie oder Arbeitgeber die persönliche Privatadresse nicht herausgeben.
  • 02. Sensible Kommunikation stets verschlüsseln. Messengerdienste wie Signal, Threema oder Element verwenden. Apps mit PIN / Biometrie ver-riegeln. Bei Signal: Selbst-löschende Nachrichten.
  • 03. WhatsApp nur mit Wegwerf-Nummer verwenden, Zugriff auf Kontakte blockieren. Telegram nur auf Wegwerf-Handy verwenden.
  • 04. Erhaltene Dateien zur Sicherheit vor dem Öffnen mit https://dangerzone.rocks in sichere PDFs umwandeln.
  • 05. Erhaltene Links nur in einer Virtual Machine / einem Live System anklicken. Bei nicht-sensitiven Daten vorher über virustotal.com oder joesandbox.com testen,
  • 06. E-Mails vom Server nehmen und offline speichern.
  • 07. Bei journalistischer Zusammenarbeit in einer Gruppe: Cloud-Daten verschlüsseln mit Cryptomator. Falls möglich für Recherche eigenen Server verwenden (Nextcloud oder Cryptpad).
  • 08. Sensitive Daten offline speichern auf zwei separaten verschlüsselten Harddisks. Für Projekte jeweils verschlüsselte Container anlegen mit VeraCrypt. Backup nicht vergessen!
  • 09. Namen & Kontaktdaten von Quellen nie online speichern (weder im Telefonbuch noch in der Mail-App). Code-Namen sind eine einfache, sinnvolle Massnahme.
  • 10. Handy wöchentlich neu starten (gegen nicht-persistente Viren). iPhone: Lockdown-Mode aktivieren. Android: Verstärkte Sicherheit aktivieren.
  • 11. Beim Treffen mit einer Quelle Handy zuhause lassen oder frühzeitig in Faraday-Bag versorgen. Bei Sitzungen Handy ausser Hörweite oder im Faraday-Bag lassen.
  • 12. Keine sensitiven Daten oder vertrauliche Treffen in der Online-Agenda am PC oder auf dem Handy abspeichern.
  • 13. Handy, mit dem man mit Quellen in Kontakt steht, mit komplexerem Passwort statt 6-stelligem PIN sichern.
  • 14. Bei absehbarem Behördenkontakt oder drohender Kontrolle: Handy und PC ausschalten. Behörden dürfen mit Fingerabdrücken / Fotos biometrische Sicherung umgehen, aber nicht Passwort-Herausgabe erzwingen.
  • 15. Bei behördlicher Beschlagnahmung der Geräte: Redaktionsgeheimnis geltend machen. Bei richterlicher Anordnung auf Beschlagnahmung: Siegelung verlangen.
D. Gesicherte Umgebung

Bei Recherche oder Berichterstattung wie auf Niveau C, aber zugleich auf Basis vertraulicher oder geheimer Informationen, kann ein sehr hohes Risiko für Überwachung und Kompromittierung der eigenen Geräte bestehen. Deswegen sind auf dieser Stufe sämtliche Massnahmen der Niveaus A, B und C einzuhalten sowie weitere Vorkehrungen für eine gesicherte Arbeit offline zu treffen.

  • 01. Kameras an PC und Handy abdecken.
  • 02. Wenn möglich an gesichertem und gesondertem Ort arbeiten.
  • 03. Arbeit mit sensitiven Daten nur offline durchführen! Datenimport/-export über verschlüsselte externe Festplatten durchführen. Ideales Betriebssystem: Tails, auf extra eingerichtetem PC. Diesen PC nach der Recherche löschen, verschenken, oder in einem anderen Kontext verwenden.
  • 04. Passwörter für Recherche nie online speichern.
  • 05. Im Kontakt mit Quellen ein Wegwerf-Handy verwenden. Dieses nach der Recherche löschen und entsorgen.
  • 06. Keine unverschlüsselte Telefonate führen oder SMS verschicken.
  • 07. Falls möglich auch die Quelle mit einem Wegwerf-Handy ausstatten.
  • 08. Auf Anzeichen von Kompromittierung achten: ungewöhnliche Neustarts oder «Updates», plötzlicher Abfall der Batterie- oder Geräteleistung, ungewöhnliche Verbindungsaufnahmen oder Apps.
  • 09. Gefühl von Überwachung oder Beobachtung ernst nehmen! Mit Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen reden. Arbeitszeiten und Arbeitswege nach Bedarf variieren.
  • 10. Bei Terminen, wo eigenes Erscheinen bekannt ist, besonders wachsam sein, etwa bei Gerichtsterminen, öffentlichen Auftritten, etc. Gleiches gilt bei vertraulichen Treffen mit Quellen.

Den praktischen Guide in Broschürenform mit allen wichtigen Informationen können Sie sich hier als PDF herunterladen.

Wichtig: Digitale Sicherheit kann nie vollständig garantiert werden, da letztlich jedes System angreifbar bleibt. Aber Medienschaffende können ihren Selbst- und Quellenschutz so stark verbessern, dass ein Angriff mit grösster Wahrscheinlichkeit ins Leere läuft und der Quellenschutz gewährleistet bleibt.