Seit Jahren recherchiert Fabian Eberhard, Recherchechef und stellvertretender Chefredaktor beim SonntagsBlick, zu Themen rund um Rechtsextremismus, Nationalismus, Terrorismus, Neonazis, Islamisten und zur identitären Bewegung. 2023 wurde er vom Branchenmagazin «Schweizer Journalist:in» zum Journalisten des Jahres gekürt, zwei weitere Male erhielt er die Auszeichnung als Recherchejournalist des Jahres. Und 2019 gewann er den renommierten Zürcher Journalistenpreis.
Eberhards Recherchen wühlen oft auf, machen Missstände publik und stossen auf grosses Echo. Und sie gehen nicht spurlos an ihm vorbei. An Hass und Anfeindungen, die er aufgrund seiner Arbeit als Journalist erfährt, hat er sich zwar gewöhnt. Doch sie haben in den letzten Jahren markant zugenommen, schon mehrfach hat er wegen Drohungen Anzeige erstattet. Zuletzt Ende 2025 wegen einer Todesdrohung gegen sich und seine Familie. «Das ist dann jeweils nur die Spitze des Eisbergs»
Die Stimmung gegenüber Medienschaffenden sei in den letzten Jahren insgesamt markant schlechter geworden, sagt Eberhard. «Selbst Recherchen und Artikel zu vermeintlich harmlosen Themen können schnell einmal zu heftigen Reaktionen führen.»
Eberhard ist es ein Anliegen, die Öffentlichkeit über diesen zunehmenden Hass aufzuklären. Auf seinen Social-Media-Kanälen, vor allem auf LinkedIn, Instagram und TikTok, zeigt er regelmässig, welche Drohungen und welchen Hass er als Reaktion auf seine Recherchen erhält. «Es ist wichtig, dass sich Menschen bewusst machen, welchen Gegenwind wir Medienschaffende teils erfahren. Öffentlich und mit Klarnamen Hass gegen Journalisten zu äussern, ist heute viel salonfähiger als noch vor ein paar Jahren», sagt er. Bereits die Covid-Pandemie habe diese problematische Tendenz sichtbar verstärkt. Aber auch US-Präsident Donald Trump oder Teile der AfD in Deutschland. Dass solche Akteure wie sie offen und ungehemmt gegen Medien und Medienschaffende hetzen, hätten vielen Menschen das Bild vermittelt, dass es normal sei, ihren Hass gegen unliebsame journalistische Berichterstattung zu äussern. «Die Hemmschwelle ist sichtlich gesunken. Das gilt auch für die Schweiz.»
Angesichts des sowieso schon wachsenden wirtschaftlichen Drucks auf viele Redaktionen ist es für Eberhard darum nicht überraschend, wenn sich Journalistinnen und Journalisten sich vor solchen Konfrontationen scheuen oder sich davon einschüchtern lassen. «Man braucht eine dicke Haut und muss sich einiges gefallen lassen.» Er selbst könne damit relativ gut umgehen und habe wiederholt aufgrund von Drohungen bereits Anzeige erstattet. «Da viele Drohungen explizit und klar genug sind sowie unter Klarnamen geäussert werden, kann das sinnvoll und wirksam sein.»
Dass Eberhard wegen der Anfeindungen gewisse Themen gar nicht mehr bearbeite, sei allerdings nicht der Fall. «Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Drohungen nichts mit mir machen. Es kann schon vorkommen, dass ich mir bei gewissen Artikeln zwei oder dreimal überlege, wie ich es angehe und wie ich darüber schreibe.» Viele seiner Recherchen tätigt er aber sowieso online, etwa über Online-Foren, Telegram-Gruppen oder andere digitale Kanäle, was eine gewisse räumliche Distanz schaffe. Denn Eberhard ist in vielen Kreisen der Rechtsextremen, Neonazis oder Islamisten bekannt. Bei einer Reportage im Jahr 2019 vor Ort im Kanton Schwyz sei er etwa bereits beim Bahnhof, kurz nachdem er aus dem Zug ausgestiegen war, erkannt worden. «Da ist man dann schon sehr schnell sehr vorsichtig. Ich würde heute nicht mehr einfach so vor Ort von einem Treffen von Neonazis oder Rechtsextrem berichten», sagt er. Auch wenn er das eigentlich gerne machen würde.
Bei einigen physischen Veranstaltungen, an denen Eberhard in Vergangenheit teilnahm, war auch schon Polizeischutz notwendig. Ansonsten beschränken sich die Anfeindungen oder die Drohungen auf den digitalen Raum. «Nichtsdestotrotz bin ich aber auch im Alltag, etwa wenn ich durch die Stadt laufe, aufmerksamer und vorsichtiger geworden.»
In der Schweiz sei die Schwelle, einen Journalisten oder eine Journalistin physisch anzugreifen, vergleichsweise noch sehr hoch, sagt Eberhard. «Im Ausland, etwa in Teilen Deutschlands oder Osteuropas, sieht das schon ganz anders aus.» Zwar scheinen es einige Exponenten etwa der rechtsextremen Szene mit ihren Drohungen und ihrem Hass oft ernst zu meinen, gibt Eberhard zu bedenken. «Das Potential für gewalttätige Übergriffe ist auf jeden Fall vorhanden.»
Mit vielen anderen Menschen, die online ihren Hass äussern, lasse sich aber durchaus reden. «Die klassischen Wutbürger, die sich online schnell sehr emotional und hasserfüllt zu gewissen Themen äussern, beruhigen sich oft erstaunlich schnell wieder, wenn man ruhig und sachlich das Gespräch mit ihnen sucht.»
Valentin Rubin, Policy & Advocacy Manager RSF Schweiz