Beleidigungen, Schläge, Drohungen und zerstörte Ausrüstung: Reporter ohne Grenzen (RSF) hat bislang mindestens zwölf Fälle dokumentiert, in denen Journalistinnen und Journalisten bei der Berichterstattung über die seit dem 21. September in ganz Frankreich stattfindenden Proteste angegriffen wurden. Die Polizei, Demonstrierende sowie andere Akteure gingen die Presse körperlich an oder schüchtern sie verbal ein. RSF verurteilt diese Gewalt sowie die eklatante Behinderung der Pressefreiheit auf das Schärfste und fordert die zuständigen Behörden auf, die Täter zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen.
Von Paris bis Marseille sind Medienschaffende, die seit dem 21. September über die Proteste von Gymnasiasten und Universitätsstudenten berichten, wiederholt Gewalt ausgesetzt. Mindestens zwölf wurden bislang körperlich oder verbal angegriffen: sechs durch Demonstrierende oder andere Personen und sechs weitere durch Polizeikräfte. Alle waren eindeutig als Medienschaffende erkennbar, und einige hatten die Polizeibeamten darüber informiert, dass sie als solche tätig sind. Diese Vorfälle stehen im Widerspruch zu den Bestimmungen des vom Innenministerium verabschiedeten französischen Nationalen Plans zur Strafverfolgung (SNMO), der Journalistinnen und Journalisten das Recht garantieren sollte, über Polizeieinsätze zu berichten und von den Beamten geschützt zu werden.
«Einen Journalisten zu schlagen, ihn zu bedrohen oder seine Ausrüstung zu zerstören, ist ein schwerwiegender Angriff auf die Pressefreiheit und auf das Recht von uns allen auf Information. Medienschaffende müssen in der Lage sein, sicher über Proteste zu berichten, selbst dann, wenn die Lage angespannt ist. Die Behörden müssen ihren Schutz gewährleisten und sicherstellen, dass die für die Gewalt Verantwortlichen identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden. Das wiederholte Auftreten solcher Angriffe im Rahmen sozialer Bewegungen erfordert zudem ernsthafte Massnahmen, um der Feindseligkeit gegenüber der Presse entgegenzuwirken und die Öffentlichkeit an die unverzichtbare Rolle der Medien in einer Demokratie zu erinnern: Sie dokumentieren Fakten, berichten über Ereignisse und Forderungen und ermöglichen so erst die öffentliche Debatte.»
Laure Chauvel
Leiterin des RSF-Büros in Frankreich
Journalisten im Visier von Demonstranten
Zwei Journalisten des Nachrichtensenders BFMTV wurden am 29. September vor dem Lycée Paul-Éluard in Saint-Denis, einem Vorort von Paris, angerempelt, angegriffen und beleidigt. Anschliessend wurden sie zu ihrer eigenen Sicherheit vom Ort des Geschehens wegbegleitet. Der Sender kündigte daraufhin an, Anzeige zu erstatten. Am selben Tag wurden in Lille Zack Ajili, ein Korrespondent des Nachrichtensenders LCI, und sein Kollege, der anonym bleiben wollte, von Demonstranten angegriffen und gezwungen, den Ort des Geschehens eilig zu verlassen.
Die Einschüchterungen setzten sich am nächsten Tag in der östlichen Stadt Dijon fort. Dort wude ein Journalist der lokalen Nachrichtenseite Dijon Actualités, der eindeutig als Pressevertreter zu erkennen war, von einem jungen Mann mit einem Messer in der Hand angesprochen. Dieser wies ihn des weiteren an, vor dem Lycée Le Castel, wo er über den Protest berichtete, nicht mehr zu filmen. Am 8. Oktober wurde derselbe Journalist von einem Angreifer in den Rücken geschlagen. Es wurden zwei Strafanzeigen erstattet.
In Marseille wurde zudem ein Korrespondent des Fernsehsenders M6 am Donnerstag, 1. Oktober, umzingelt und wiederholt geschlagen, als er über die Blockade des Lycée Saint-Exupéry im 15. Arrondissement der Stadt berichtete. Er erlitt eine Kopfverletzung, und seine Kamera wurde zerstört. Am selben Nachmittag wurde in der südfranzösischen Stadt Manosque eine Reporterin der lokalen Niederlassung des Nachrichtensenders BFM DICI, beschimpft und geschubst, als sie über die Schulblockade berichtete. Anschliessend wurde sie zu ihrer eigenen Sicherheit von der Situation weggeführt.
Polizeigewalt gegen Reporter
Weitere Medienschaffende wurden zudem Opfer von Polizeigewalt. In Lyon wurde am 2. Oktober einer Reporterin der Monatszeitschrift Lyon Mag das Handy von einem Angehörigen der CRS zu Boden geworfen, nachdem sie sich als Journalistin ausgewiesen hatte. Am selben Tag wurde in Fréjus ein Journalist der Regionalzeitung Var Matin von einem Polizisten beschimpft und mit einem Schlagstock geschlagen, obwohl er seinen Presseausweis vorzeigte.
Am selben Tag wurde in Montpellier Valentin Levetti, Chefredaktor des unabhängigen Online-Mediums Stup.media, am rechten Schienbein von einem Motorradfahrer getroffen, der als Zivilpolizist identifiziert wurde und weder Armbinde noch Dienstnummer trug. Das ganze ereignete sich, als Levetti in der Rue Balard in der Nähe des Lycée Georges-Clémenceau eine Festnahme filmte. Er war dabei deutlich als Journalist erkennbar, da er ein Armband und einen Helm trug und eine Tasche bei sich hatte, die alle mit der Aufschrift «Presse» versehen waren. Zwei Ärzte, die den Betroffenen untersuchten, stellten ein Hämatom und Schürfwunden fest und verordneten ihm eine Arbeitsunfähigkeit. Ein dritter Arzt, der den Betroffenen vier Tage nach dem Übergriff untersuchte, stellte eine Verletzung fest, die auf eine Verstauchung des rechten Knies hindeutete. Am 8. Oktober erstattete der Journalist bei der Staatsanwaltschaft Montpellier Anzeige wegen schwerer Körperverletzung durch einen Amtsträger unter Einsatz eines Gegenstands als Waffe.
Am 6. Oktober wurde, ebenfalls in Montpellier, der Journalist Samuel Clauzier, der unter anderem für die Nachrichtenseite Rue89 Bordeaux arbeitet, dreimal von Beamten der Bereitschaftspolizei angegriffen. Er trug einen Helm, vier Presseausweise und eine Armbinde, war somit eindeutig als Pressevertreter erkennbar. Er hielt Abstand, um die Polizeieinsätze nicht zu behindern. Zunächst wurde er mit einem Schutzschild in die Brust geschlagen. Dann schlug ein Beamter mit einem Schlagstock auf sein Handy ein, als er einen Polizeieinsatz filmte. Eine Stunde später, gegen 17 Uhr, versetzte ihm ein Polizist einen heftigen Schlag in den Rücken, wodurch seine Ausrüstung mehrere Meter weit durch die Luft geschleudert wurde.
Am selben Tag packte ein Beamter der Bereitschaftspolizei in Paris Mike Strachinescu von der Tageszeitung L’Humanité zweimal am Hals, obwohl er den Beamten seinen Presseausweis vorgezeigt hatte.
Die Gewalt setzte sich während der Proteste am 8. Oktober fort. Der Fotograf Patrick Wack wurde etwa, während er für The Wall Street Journal über eine Kundgebung an der Place de la Bastille in Paris berichtete, aus nächster Nähe von einem Flashball-Geschoss getroffen. Er wurde am Ohr verletzt und musste noch in derselben Nacht behandelt werden.
Diese Angriffe finden vor dem Hintergrund einer allgemeinen Zunahme von Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten statt, die in den letzten Jahren über soziale Bewegungen in Frankreich berichtet haben. Im Jahr 2025 verurteilte RSF die Polizeigewalt gegen mehrere Journalisten an der jährlichen Demonstration am 1. Mai. Im September 2025, während der Bloquons Tout-Proteste («Blockiert alles»), wurden Medienschaffende von der Polizei physisch daran gehindert, über die Situation zu berichten. Während der Unruhen, die durch den Tod des französischen Teenagers Nahel Merzouk durch die Polizei im Jahr 2023 ausgelöst wurden, wurden nicht weniger als 18 Medienschaffende von Randalierern angegriffen.