Sergej Sokolow, der Chefredaktor der «Novaja Gaseta», einer der letzten unabhängigen Zeitungen Russlands, wurde am 15. Oktober in Moskau zeitweise festgenommen und befragt. Reporter ohne Grenzen (RSF) prangert diese erneute Eskalation in der unerbittlichen Kampagne der Behörden gegen das symbolträchtige russische Medienunternehmen an.
Die Redaktion von Sergei Sokolov konnte ihn am Donnerstag, 15. Oktober, gegen Mittag, auf einmal nicht mehr erreichen. Kurz darauf hätte Sokolov eine Redaktionssitzung leiten sollen. Nach Angaben der «Nowaja Gaseta» hatten Ermittler seine Wohnung durchsucht und ihn anschliessend zum russischen Untersuchungsausschuss gebracht. Die Behörde untersucht schwere Straftaten und untersteht direkt dem russischen Präsidenten. Sokolov wurde etwa drei Stunden festgehalten und durfte die Behörde nicht verlassen. Dabei war er lediglich als Zeuge in einem Ermittlungsverfahren wegen «illegaler Nutzung und Speicherung personenbezogener Daten» befragt worden. Im Zusammenhang mit diesem Fall war bereits ein investigativer Journalist der «Nowaja Gaseta», Oleg Roldouguine, im April 2026 festgenommen und anschliessend unter Hausarrest gestellt worden.
«Wie weit wird die unerbittliche Kampagne des Kremls gegen die Nowaja Gaseta noch gehen? Sechs ihrer Journalistinnen und Mitarbeiter wurden ermordet, ihre Redaktion wurde durchsucht, ihre Medienschaffenden wurden strafrechtlich verfolgt, und die Zeitung wurde als ‘ausländischer Agent’ eingestuft. Diese neue Offensive zielt darauf ab, eine der letzten noch in Russland tätigen Stimmen des unabhängigen Journalismus zum Schweigen zu bringen. RSF fordert die Behörden auf, die gerichtlichen Schikanen gegen die gesamte Redaktion sowie insbesondere gegen Sergei Sokolov und Oleg Roldouguine zu beenden.»
Jeanne Cavelier
Leiterin des Deks für Osteuropa und Zentralasien bei RSF
Die jüngste Massnahme ist Teil einer langen Reihe von Repressionen gegen die «Nowaja Gaseta». Im April 2026 Jahres durchsuchten die Behörden die Moskauer Büros der Zeitung mehr als zwölf Stunden lang. Am 4. September stuften die russischen Behörden die Zeitung als «ausländischen Agenten» ein und nahmen 106 mit der Redaktion verbundene Personen in die Liste der sogenannten «ausländischen Agenten» auf. Sergei Sokolov war bereits im Jahr 2024 unter dem Vorwurf der «Diskreditierung der Streitkräfte» festgenommen worden.
Die 1993 gegründete «Nowaja Gaseta» hat für ihr Engagement für unabhängigen Journalismus einen hohen Preis gezahlt: Seit 2000 wurden sechs ihrer Journalistinnen und Journalisten ermordet, darunter Anna Politkowskaia am 7. Oktober 2006. Trotz der strikten Zensur und des wachsenden rechtlichen Drucks, der seit dem grossangelegten Krieg Russlands in der Ukraine auf den russischen Medien herrscht, setzt die Zeitung ihre journalistische Arbeit fort.
Russland belegt 2026 in der Rangliste der Pressefreiheit von RSF Rang 172 von 180 erfassten Ländern und gebieten und ist eines der grössten Gefängnisse für Medienschaffende weltweit.