Im Rahmen der Proteste in Albanien wurden zwischen dem 13. und 19. Oktober mindestens zwölf Medienschaffende körperlich angegriffen, weitere wurden an ihrer Arbeit gehindert oder eingeschüchtert – darunter auch ein freischaffender Fotojournalist aus der Schweiz. Bei den meisten der von RSF dokumentierten Fälle waren Polizeibeamte beteiligt. RSF verurteilt die Gewalt gegen die Presse und fordert Sanktionen gegen die Verantwortlichen sowie die Durchsetzung bestehender Massnahmen zum Schutz der Sicherheit von Medienschaffenden und eine parlamentarische Überprüfung des Vorgehens der Behörden.
RSF hat zwischen dem 13. und 19. Oktober in Albanien 28 Berichte über Gewalt, Einschüchterung und Versuche der Behinderung der Berichterstattung dokumentiert. Davon betroffen waren mindestens 23 Medienschaffende. Bei mindestens 10 Vorfällen kam es zur direkten Anwendung körperlicher Gewalt gegen mindestens zwölf Journalistinnen und Journalisten, darunter Schläge, Tritte, Stösse und forcierte Wegweisungen. Einige Journalisten berichteten von der Beschlagnahmung oder der versuchten Beschlagnahmung ihrer Mobiltelefone sowie von Schäden an ihrer Ausrüstung. Ausserdem beklagten sie Verletzungen durch polizeiliche Mittel zur Kontrolle von Menschenmengen.
Zusätzlich zu den Drohungen, denen sie bei ihrer Berichterstattung vor Ort ausgesetzt sind, sehen sich Medienschaffende Einschüchterungsversuchen durch Edi Rama, den Ministerpräsidenten Albaniens, ausgesetzt. Das alles vor dem Hintergrund, dass Albanien Beitrittskandidat der Europäischen Union ist. Edi Rama beschuldigte etwa am 18. Oktober den Eigentümer von News24 grundlos, Berichte über Studentenunruhen erfunden zu haben, um die Regierung zu stürzen.
«Obwohl die Lage im Zusammenhang mit den Studentenprotesten angespannt ist, müssen Medienschaffende in der Lage sein, das Verhalten der Polizei zu dokumentieren, ohne geschlagen, weggestossen, festgenommen oder auf andere Weise am Filmen gehindert zu werden. Wenn Medienschaffende legitime Anweisungen der Polizei befolgen, müssen Polizeibeamte ebenso deren legitimes Recht auf Berichterstattung gewährleisten. Die Behörden müssen die bestehenden Richtlinien zur Sicherheit von Journalistinnen und Journalisten durchsetzen und jegliches aggressive Verhalten von Polizeibeamten und Demonstrierenden ahnden. Wir fordern ausserdem Premierminister Rama auf, die Einschüchterung der Medien einzustellen, denn dies ist ihre Aufgabe. Wir fordern das albanische Parlament auf, das gewalttätige Vorgehen der Polizei zu untersuchen. Und wir fordern die EU auf, zu prüfen, wie sich die Verpflichtungen des Beitrittskandidaten zur Medienfreiheit in der Praxis auswirken.»
Pavol Szalai
Direktor RSF-Büro Prag
Allein am 18. Oktober meldeten mindestens acht Medienschaffende Übergriffe durch die Polizei. Nach Angaben des albanischen Journalistenverbands (AGSH) hielt die Polizei den Fotojournalisten Hameraldi Agolli, der für AP tätig ist, gewaltsam an, während er seiner Arbeit nachging. Des Weiteren wurde der News24-Journalist Renaldo Salianji von der Polizei körperlich angegriffen. Taulant Kopliku berichtete gegenüber SYRI TV, dass ein Beamter ihm auf die Schulter schlug, sein Handy beschlagnahmte und seine Aufnahmen löschte. Gleichzeitig berichtete SYRI TV weiter, dass zwei seiner eigenen Medienschaffenden von den Ordnungskräften angegriffen wurden: Marshi Korreshi wurde mit einem Helm in den Rücken geschlagen, während sie live über einen Brand in einer Polizeistation berichtete, und Elkier Bushkolaj wurde durch ein Gummigeschoss der Polizei am Bein verletzt. Der Journalist Juljan Hoxha und der Fotojournalist Felix Bilani wurden Berichten zufolge von Polizeibeamten an den Beinen getroffen und weggestossen, um sie vom Büro des Ministerpräsidenten fernzuhalten. Der Albanische Journalistenverband wies zudem darauf hin, dass die Klan News-Journalistin Glidona Daci bei einem Vorfall von der Polizei von Steinen getroffen wurde.
Auch ein Schweizer Fotojournalist betroffen
Reuters berichtete, dass zwei seiner Journalisten am 17. Oktober bei der Berichterstattung über die Zusammenstösse in Tirana von Gummigeschossen getroffen wurden. Und der freiberufliche Fotojournalist Raimond Lüppken aus der Schweiz berichtete gegenüber RSF, dass er am selben Tag in der Küstenstadt Durrës Männer in schwarzer Kleidung filmte, als zwei andere Männer in Zivil auf ihn zukamen und ihn zwingen wollten, die Aufnahmen zu löschen, was er jedoch ablehnte. Nach Informationen von RSF trug die Gruppe, die Lüppken gefilmt hatte, Westen mit Polizeikennzeichen. Lüppken vermutet, dass die beiden Männer mit dieser Gruppe in Verbindung standen, doch ihre Identität und ihr Status als Polizeibeamte konnten nicht bestätigt werden.
Einer der brutalsten Vorfälle ereignete sich derweil zu Beginn der Proteste am 13. Oktober. Izmir Akulli, Chefredakteur des Online-Portals Dosja.al, wurde ins Krankenhaus gebracht, nachdem ihn mehrere Polizisten getreten und geschlagen hatten, während er deren Interaktion mit einem Studenten filmte. Laut seinem veröffentlichten Bericht hielt die Gewalt auch dann noch an, nachdem er sich als Journalist ausgewiesen hatte.
Die Versuche, die Berichterstattung zu behindern, halten noch immer an: Am Abend des 19. Oktober hinderte die Polizei den News24-Journalisten Osman Stafa und andere Medienmitarbeiter daran, die Festnahmen durch die Polizei in den Seitenstrassen der Rruga e Dibrës in Tirana zu verfolgen und zu filmen, wie News24 berichtet.
Sicherheitsauflagen müssen durchgesetzt werden
Laut einer am 18. Oktober veröffentlichten Erklärung des SafeJournalists Network hat die albanische Polizeiaufsichtsbehörde Ermittlungen wegen mutmasslichen Fehlverhaltens aufgenommen, und sieben Beamte wurden vom Dienst suspendiert. Es ist weiterhin unklar, ob diese Massnahmen Fälle betreffen, an denen Journalisten beteiligt sind.
In einem offenen Brief, den RSF am 14. Oktober mitunterzeichnete, forderten Organisationen für Medienfreiheit und der Zivilgesellschaft die vollständige Umsetzung der im Mai 2025 von der Staatspolizei verabschiedeten Leitlinien für die Sicherheit von Journalisten sowie unabhängige Untersuchungen zu der mutmasslichen Gewalt durch die Polizeiaufsichtsbehörden. Des Weiteren forderten die Organisationen eine eigens diesem Thema gewidmete parlamentarische Anhörung. Dennoch wurden nach diesem Aufruf weitere Vorfälle gemeldet.
Albanien belegt in der RSF-Rangliste der Pressefreiheit 2026 Rang 83 von 180 erfassten Ländern und Gebieten.