Blendgranaten, Tränengas, scharfe Munition, Haft: Das Vorgehen der israelischen Behörden und Armee gegen palästinensische Medienschaffende im besetzten Westjordanland und in Ostjerusalem ist von Härte und Willkür geprägt. Dagegen regt sich international nur wenig Widerstand.

Islam Amarneh ist eine 31-jährige Journalistin aus dem Westjordanland und arbeitet eigentlich für die feministische palästinensische Nachrichtenagentur Nawa. Doch am 3. Mai, ausgerechnet am internationalen Tag der Pressefreiheit, wurde sie mitten in der Nacht südlich von Bethlehem von israelischen Soldaten im Zuhause ihres Vaters festgenommen. Seitdem sitzt sie im Gefängnis, ohne Prozess und ohne Gerichtsverhandlung. Möglich ist eine solche Haft aufgrund des israelischen Rechts, welches eine sogenannte Administrativhaft gegen Individuen verhängen darf, von der die Behörden ausgehen, dass sie in Zukunft das Recht brechen könnten.

Auf Basis dieses umstrittenen rechtlichen Instruments hält Israel aktuell über 3’000 Palästinenserinnen und Palästinenser auf teils unbestimmte Dauer in Haft. Unter ihnen befinden sich auch mindestens 19 Medienschaffende. Islam Amarneh ist eine von ihnen, genauso wie ihr Bruder Osayd, ebenfalls Journalist, der vor genau einem Jahr, am 27. August 2025, inhaftiert wurde. Die beiden Geschwister stellten nach Einschätzung der israelischen Behörden ein Risiko für die nationale Sicherheit Israels dar, weshalb sie auf unbestimmte Dauer festgenommen wurden.

Die Haft der beiden Geschwister steht exemplarisch für den Preis, den die Medienschaffenden im palästinensischen Westjordanland für ihren Beruf bezahlen müssen. RSF hat erst diesen Sommer eine ganze Reihe an Übergriffen der Behörden und Armee gegen Medienschaffende dokumentiert. Am 11. Mai ging die israelische Armee im Flüchtlingscamp Qalandia nahe Jerusalem gegen Medienschaffende mit Tränengas und Blendgranaten vor. Am 16. Mai sperrte die israelische Armee den Zugang zum Flüchtlingscamp bei Jenin für Medienschaffende. Am 25. Mai nahm die Polizei in Jerusalem einen 25-jährigen palästinensischen Journalisten bei der Al-Aqsa Moschee in der Altstadt fest und erliess gegen ihn ein Zutrittsverbot zum Moscheenkomplex für sechs Monate. Am 7. Juni eröffnete die israelische Armee gar das Feuer und schoss auf eine Gruppe von Medienschaffenden, die zum Balata-Flüchtlingscamp bei Nablus wollten. Unter ihnen befand sich auch der Fotograf für die US-Agentur Associated Press, Majdi Mohammed Shteih.

Auch die internationale Presse gerät ins Visier

Nebst diesen Übegriffen gegen palästinensische Journalistinnen und Journalisten kam in jüngster Zeit auch die internationale Presse in Israel und im Westjordanland unter zunehmendem Druck von Seiten Israels. Die französische Journalistin Alice Fraussard, die unter anderem für den Westschweizer Fernsehen RTS arbeitet, wurde im Juni am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an der Einreise gehindert und des Landes verwiesen. Auch die spanische Journalistin Queralt Castillo durfte im Januar 2026 nicht nach Israel einreisen. Ebenso waren zwischen Juli 2025 und Januar 2026 Einreiseverbote gegen die französische Journalistin Khadija Toufik und gegen den italienischen Journalisten Alessandro Stefanelli verhängt.

Getötet oder ernsthaft verletzt wurden bei all diesen Vorkommnissen zum Glück keine Medienschaffenden. Die Willkür und die Verstösse gegen die Pressefreiheit durch die israelischen Behörden werden dadurch aber nicht weniger harmlos. Im Gegenteil: Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit, genauso wie sie dies in anderen Kontexten auch tun. Israel gehört weltweit zu den grössten Gefängnissen für Medienschaffende. Gemäss den Datenerhebungen von Reporter ohne Grenzen sind nur in China, Russland, Myanmar und Belarus noch mehr Medienschaffende inhaftiert als in Israel.

Die Massnahmen Israels gegen die palästinensischen und internationalen Medienschaffenden im Westjordanland scheinen längst zum neuen Normalzustand geworden zu sein. Angesichts des Krieges Israels im Gazastreifen und der dortigen Zerstörung und der nach wie vor prekären Lage erhält dies international nur noch wenig Beachtung. Dabei stehen die Entwicklungen symptomatisch für die zweite Front im Krieg Israels: Nebst der militärischen Kampagne Israels, den Gazastreifen militärisch zu kontrollieren, ist Netanjahus Regierung ebenso stark darauf erpicht, das Narrativ über den Krieg und Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu kontrollieren. Medienschaffende, die Fakten berichten, die dem israelischen Narrativ widersprechen, sind in dieser Logik nur störend. Im Gazastreifen, wo bereits über 200 Journalistinnen und Journalisten durch israelische Angriffe getötet wurden, scheint dies bereits zur Realität geworden zu sein. Aber genauso auch im Westjordanland. Wir fordern daher, dass diese Praktiken eingestellt werden, dass willkürlich inhaftierte Medienschaffende freigelassen werden, und dass die Verbündeten Israels in dieser Hinsicht Druck auf den Staat ausüben.

Valentin Rubin, Policy & Advocacy Manager RSF Schweiz

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