Die belarussische Journalistin und ehemalige Chefredakteurin der inzwischen geschlossenen unabhängigen Nachrichtenseite TUT.BY, Maryna Zolatava, gibt gegenüber Reporter ohne Grenzen (RSF) einen exklusiven Einblick in die Repressionen, denen die unabhängigen Medien in Belarus nach wie vor ausgesetzt sind. Zolatava wurde 2021 verhaftet, 2025 freigelassen und anschliessend ins Exil gezwungen. Sie ist aber nach wie vor eine der symbolträchtigsten Stimmen der freien belarussischen Presse.

Alexander Lukaschenko ist in Belarus noch immer an der Macht, nicht zuletzt wegen der manipulierten Präsidentschaftswahlen vor genau sechs Jahren, am 9. August 2020. Die Wahlen von damals lösten Protestbewegungen im ganzen Land aus, und das Regime reagierte mit massiver Repression gegen Oppositionelle sowie gegen die verbleibenden unabhängigen Medien im Land. Auch Maryna Zolatava, damals noch Chefredaktorin der belarussischen Nachrichtenseite tut.by, einem der wichtigsten Medien des Landes, wurde 2021 verhaftet, und TUT.BY wurde geschlossen. Zolatava wurde als Terroristin bezeichnet und 2023 zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Gegenüber RSF spricht Maryna Zolatava nun exklusiv über ihre Verhaftung und über die Aushöhlung der Pressefreiheit in Belarus, wo bis heute 20 Medienschaffende in Haft sind.

Sechs Jahre nach den Protesten in Belarus wurde die freie Presse erstickt und 21 Medienschaffende sitzen noch immer im Gefängnis

Von Maryna Zolatava

«Das wird nicht länger als ein Jahr dauern. Man kann im 21. Jahrhundert nicht mitten in Europa ein zweites Nordkorea schaffen.» Das dachte ich mir an einem Abend im September 2020, als ich mit meiner Kollegin von TUT.BY, Katsiaryna Barysevich, in einem Auto vor der Polizeiwache sass, wohin gerade mehrere unserer Kollegen gebracht worden waren. Das Auto hatte uns ein Leser geliehen, der unsere Redaktion unterstützen wollte.

Keine zwei Monate später wurde Katya (Katsiaryna) verhaftet und zu sechs Monaten Straflager verurteilt. Der Grund: Sie hatte berichtet, dass ein Einwohner von Minsk, Raman Bandarenka, der von regierungsnahen Aktivisten zusammengeschlagen worden und anschliessend im Krankenhaus gestorben war, zum Zeitpunkt der Tat nicht betrunken war – ganz im Gegensatz zu dem, was Präsident Alexander Lukaschenko behauptet hatte.

Die Verhaftung von Katya ereignete sich neun Monate bevor die Repressionen gegen TUT.BY zunahmen und ich selbst im Jahr 2021 verhaftet wurde. Trotz der damaligen Repression, die in der Geschichte des unabhängigen Belarus bereits beispiellos war, konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht vorstellen, was uns erwarten würde.

Unabhängige Medien als «extremistische Organisationen» abgestempelt

In Belarus war es offensichtlich möglich geworden, die Medienlandschaft zu säubern, ohne das Internet abschalten zu müssen. Es reichte einfach aus, alle unabhängigen Medien als «extremistische Organisationen» zu deklarieren und Sanktionen verwaltungsrechtlicher oder strafrechtlicher Art für jede Interaktion mit ihnen zu verhängen. Es drohen 15 Tage Haft, wenn man einem «extremistischen» Account in den sozialen Netzwerken folgt oder einen Link von dort teilt. Selbst wenn der Inhalt so harmlos ist wie eine Wettervorhersage. Wenn man einem solchen Medium ein Interview gibt, dort arbeitet oder gearbeitet hast, bevor es als «extremistisch» eingestuft wurde, drohen drei oder vier Jahre Haft.

Ihr denkt, ich übertreibe? Allein in meiner Abteilung der Strafkolonie waren zwischen 2023 und 2025 vier Menschen aus diesem Grund inhaftiert. Mich selbst nicht mitgerechnet.

Die Strafen, die Dissidenten unter dem sogenannten «entwickelten Sozialismus» zu Zeiten der Sowjetunion auferlegt worden waren, erschienen im Vergleich zu den nach 2020 verhängten Urteilen von 10 oder gar 15 Jahren Haft fast milde. Hätten wir, die wir in den ersten Jahren der Unabhängigkeit von Berlarus aufgewachsen sind, uns das jemals vorstellen können? Die Strafen erinnern an die 1930er Jahre, an die Zeit des stalinistischen Grossen Terrors. Klar, wir wurden nicht nach Sibirien deportiert, wir haben keine Lager in der Steppe gebaut und auch keine Bäume bei minus fünfzig Grad gefällt. Müssen wir uns dafür bei Alexander Lukaschenko bedanken? Oder liegt es einfach daran, dass es in Belarus weder Sibirien noch Steppe gibt?

Frei, aber nicht zu Hause

Seit Dezember 2025 bin ich frei, vor allem dank der Bemühungen der USA. Oder, um genauer zu sein: Ich bin frei, aber nicht zu Hause.

Heute bleiben uns nur noch zwei Optionen: «zu Hause, aber ohne Freiheit» oder «frei, aber nicht zu Hause». Unsere Gruppe politischer Gefangener wurde aus belarussischen Gefängnissen über die Ukraine in die Europäische Union (EU) verlegt. Ich habe in Polen internationalen Schutz erhalten, wo ich meine Familie wiedergefunden habe. Sollte ich deswegen nicht glücklich sein.

Nein.

Nein. Weil meine Kollegin Liudmila Chekina, früher Chefin von TUT.BY, immer noch im Gefängnis sitzt. Sie hat bereits sechs Geburtstage hinter Gittern verbracht. Liudmila bleibt tapfer und strahlt, da bin ich mir sicher, vor Optimismus. Aber ich weiss, wie schwer es für sie ist.

Nein. Weil belarussische Medienschaffende weiterhin zu sehr hohen Haftstrafen verurteilt werden. Im Jahr 2026 wurden die Leiter des bekannten regionalen Medienunternehmens Intex-press, Uladzimir Yanukevich und Andrei Pakalenka, zu vierzehn bzw. elf Jahren Haft verurteilt. Dabei ist Uladzimir Yanukevich bereits 65 Jahre alt. Der BelaPAN-Journalist Pavel Dabravolski wurde zu neun Jahren Haft verurteilt. Der Journalist Kiryl Pazniak und seine zwanzigjährige Tochter Yanina wurden jeweils zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Im März wurde die Belsat-Journalistin Katsiaryna Andreyeva nach fünfeinhalb Jahren Haft freigelassen, während ihr Mann, der freie Journalist Ihar Ilyash, im vergangenen Herbst zu vier Jahren Straflager verurteilt wurde. Aktuell sind in Belarus insgesamt 20 Medienschaffende inhaftiert.

Nein. Denn die Repression geht weiter. Nach Verhandlungen mit den Amerikanern haben die belarussischen Behörden innerhalb eines Jahres mehr als 500 Menschen freigelassen (oder zwangsweise ausgewiesen), darunter führende Politiker und Aktivisten der Zivilgesellschaft. Gleichzeitig werden aber immer mehr Menschen inhaftiert. Die letzte Massenfreilassung fand im März 2026 statt. Am 28. April erlangte der Journalist Andrzej Poczobut seine Freiheit zurück. Laut Menschenrechtsaktivisten befanden sich Ende Juli 2026 immer noch mindestens 883 politische Gefangene in Haft, darunter viele ältere oder schwerkranke Menschen. Viele von ihnen haben bereits fünf oder sogar sechs Jahre hinter Gittern verbracht.

Nein. Denn der Beruf des Journalisten ist in Belarus mittlerweile verboten. Das klingt unvorstellbar: Um weiterhin über ihr eigenes Land berichten zu können, mussten meine Kolleginnen und Kollegen Belarus verlassen. Sie können weder vor Ort über die Ereignisse berichten, noch Aussagen von Menschen in Belarus einholen, noch an offiziellen Pressekonferenzen teilnehmen, noch ihre Artikel mit ihrem Namen unterzeichnen. Die meisten unabhängigen Medien wurden als «extremistische Organisationen» eingestuft. Das heisst jeder, der mit ihnen zusammenarbeitet, ist strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt. Trotzdem machen meine Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeit mit bewundernswertem Engagement weiter. Das verdient Respekt. Sie mussten ihre Art, Journalismus zu betreiben, neu erfinden. Viele investigative und analytische Projekte sind entstanden. Es ist schwer, aus dem Exil heraus den Puls eines Landes im Blick zu behalten, aber sie schaffen es.

August 2020: Ein Wendepunkt für Belarus

Vor sechs Jahren erlebte Belarus entscheidende und einschneidende Ereignisse. Gleich zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfs wurden die beiden Hauptkonkurrenten von Alexander Lukaschenko, Viktar Babaryka und Sergej Tichanowski, verhaftet.

Viktar Babaryka wurde zu vierzehn Jahren Haft verurteilt und sollte im Dezember 2025 ausgewiesen werden. Sergej Tichanowski wurde zu achtzehn Jahren verurteilt und sollte im Juni 2025 ausgewiesen werden. Seine Frau Swjatlana Tichanowskaja trat daraufhin an seiner Stelle als Kandidatin für die Präsidentschaft 2020 an. Zusammen mit Maria Kalesnikawa, der Wahlkampfleiterin von Viktar Babaryka, und Veronika Tsepkalo bildeten sie ein einzigartiges Trio, dessen Kundgebungen Tausende von Menschen bis in die kleinsten Städte des Landes lockten. Noch nie zuvor hatten sich die Belarussen so stark für einen Wahlkampf mobilisiert. Wie üblich hat Alexander Lukaschenko einen massiven Wahlbetrug inszeniert, der im digitalen Zeitalter unmöglich zu verbergen ist. Bei TUT.BY hatten wir zahlreiche Beweise dafür gesammelt. Die Wähler, die auf die Straße gingen, sahen sich beispielloser Polizeigewalt ausgesetzt. Diese Gewalt und diese Repression dauern bis heute an. Sie haben Hunderttausende Menschen dazu gezwungen, Belarus zu verlassen.

Viele sind heute desillusioniert und glauben, verloren zu haben. Ich teile diese Ansicht nicht. Das Jahr 2020 hat die Reife des belarussischen Volkes gezeigt, sein Streben nach Unabhängigkeit und seinen Willen, seine Entscheidung entschlossen zu verteidigen und seine Rechte mit legalen Mitteln durchzusetzen. Aber heute durchleben die Belarussen, egal ob sie in ihrem Land oder im Exil leben, eine extrem schwierige Zeit.

Anlässlich des Jahrestags dieser wichtigen Ereignisse möchte ich einen Appell an meine Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt richten. Vergesst Belarus nicht. Wir existieren. Wir sind neun Millionen. Und Belarus ist nicht Alexander Lukaschenko. Hört auf unsere Stimmen.

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