«Internationaler Tag der Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen». Bei «Reporter ohne Grenzen» assoziieren wir mit diesem Tag, der jeweils auf den 30. August fällt, unmittelbar «verschwundene Journalisten». Wir erweisen ihnen heute unsere Ehrerbietung, weil das Verschwinden von Medienschaffenden nicht nur individuelle Tragödien darstellt, sondern auch uns Recht auf freie Informationen einschränkt, und damit ebenso unsere Fähigkeit, fundierte Entscheidungen zu treffen. 

«Verschwunden». In Anführungszeichen. Denn die meisten Fälle von verschwundenen Journalistinnen und Journalisten sind in Wirklichkeit nicht zufällig, sondern gewaltsam – Entführungen oder gar getarnte Ermordungen. In fast der Hälfte aller Fälle ist das der Fall. Diese Feststellung ist umso alarmierender, wenn man bedenkt, dass Regierungen oft selbst daran beteiligt sind. Durch ihr Schweigen zu diesen Inhaftierungen oder gar durch die Verschleierung des Schicksals und des genauen Haftortes der betroffenen Medienschaffenden.

Der Fall des US-Amerikanischen Journalisten Austin Tice ist dabei besonders ergreifend und verdeutlicht diese Vorgehensweise. Er war im Frühjahr 2012 über die Türkei nach Syrien eingereist und berichtete für mehrere amerikanische Medien über den dortigen Bürgerkrieg. Zunächst war er im Norden und im Zentrum Syriens unterwegs; ab Ende Juli 2012 war er dann nur noch einer von wenigen ausländischen Journalisten, denen es gelang, nach Damaskus zu gelangen. Wenige Wochen später, am 14. August, wurde er schliesslich festgenommen, als er vermutlich versuchte, Syrien in Richtung Libanon zu verlassen. Der 14. August dieses Jahres markierte folglich den traurigen 14. Jahrestag seines Verschwindens in Syrien. Trotz einer eingehenden Untersuchung durch RSF-Mitarbeitende, die nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 vor Ort waren, lässt sich bis heute nicht sagen, ob Tice noch am Leben ist. Es gibt keine Beweise dafür. Es gibt aber ebenso auch keine Beweise dafür, dass er in syrischen Gefängnissen ums Leben gekommen ist.

Das Leid von Austin Tice hallt weit über die syrischen Grenzen hinaus und erinnert an eine erschreckende Realität in vielen Ländern. Vielerorts verschwinden Medienschaffende auf gewaltsame Weise. Heute führt Mexiko die traurige Rangliste der Länder an, wo laut Daten von RSF die meisten Medienschaffenden oft gewaltsam verschwunden sind: Von 28 Journalistinnen und Journalisten fehlt in Mexiko bis heute jede Spur, bei mindestens sechs von ihnen ist RSF sicher, dass sie gewaltsam zum Verschwinden gebracht worden sind. Gleich darauf folgt Syrien, mit 37 seit 1995 vermissten Medienschaffenden. Darunter befinden sich fünf Fälle von gewaltsamem Verschwindenlassen. 

Die Unterscheidung zwischen vermissten Medienschaffenden und solchen, die Opfer eines gewaltsamen Verschwindens sind, beruht auf dem Status der Gewalttat selbst: Ein Journalist gilt als vermisst, wenn nicht bekannt ist, ob er als Geisel genommen wurde, ob er von einem Staat inhaftiert ist oder ob er getötet wurde. Ein Journalist gilt hingegen offiziell als Opfer eines gewaltsamen Verschwindens, wenn sein Verschwinden gemäss dem Völkerrecht durch den Freiheitsentzug durch eine staatliche Behörde (oder eine Gruppe, die in deren Namen, mit deren Unterstützung oder mit deren Einwilligung handelt) gekennzeichnet ist, verbunden mit der Weigerung, diesen Freiheitsentzug anzuerkennen oder das Schicksal und den Aufenthaltsort der betroffenen Person offenzulegen.

Das Barometer von RSF, das das Verschwinden von Journalistinnen und Journalisten in Echtzeit erfasst, zeigt, dass derzeit weltweit 137 Medienschaffende als vermisst gelten – darunter 46 Fälle, bei denen wir sicher sind, dass es sich um gewaltsames Verschwinden handelt.

Das Fehlen von Wahrheit, das Schweigen der Behörden und die Straflosigkeit gegenüber den Tätern werden als bewusste Instrumente eingesetzt, mit denen Staaten (und Akteure, die in ihrem Namen handeln) den Familien und der Berufsgruppe der Medienschaffenden selbst Ermittlungen, Gerichtsverfahren und Antworten vorenthalten. Das damit ausgesendete Signal ist deutlich: Das Leben von Journalistinnen und Journalisten hat keinen Wert. Dies entfaltet eine lähmende Wirkung und führt bei einigen zu Selbstzensur.

Aus diesem Grund war RSF am ersten Internationalen Kongress gegen das gewaltsame Verschwinden von Personen vertreten, der im Januar 2025 in Genf eröffnet wurde. Dort hat RSF die Staaten aufgefordert, die universelle Ratifizierung des Internationalen Übereinkommens zum Schutz aller Personen vor gewaltsamem Verschwinden zu einer prioritären Angelegenheit zu machen. Es muss festgestellt werden, dass trotz der Bemühungen der Vereinten Nationen das gewaltsame Verschwinden von Medienschaffenden nach wie vor aktuell ist. Der jüngste Fall betrifft Hassan Hamad, einen Radiomoderator bei Blue Nile Radio im Sudan. Er wurde am 13. Mai 2026 von einem Sicherheitsdienst mit Verbindungen zur Armee im Bundesstaat Blue Nile festgenommen. 

Medienschaffende verschwinden nicht einfach. Sie werden entführt. Es ist also höchste Zeit, den Schutz von Journalistinnen und Journalisten zu verstärken und die Straflosigkeit zu bekämpfen.

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