Vor eineinhalb Jahren weckte der Sturz des syrischen Diktators Bashar al-Assad in den USA die Hoffnung, dass der US-Amerikanische Reporter Austin Tice, der im August 2012 in Syrien verhaftet worden war, vielleicht noch lebend gefunden werden könnte. Die Suche nach ihm hat aber kaum Fortschritte gemacht. Reporter ohne Grenzen (RSF) hat seit dem Regimewechsel Ende 2024 dreimal vor Ort in Syrien recherchiert. Dabei konnte RSF bestätigen, dass Assads Regierung Austin Tice mindestens bis Anfang 2013 gefangen hielt. Was danach mit ihm passiert ist, bleibt bis heute unklar.

«Bei unseren Bemühungen, die Gefangenschaft von Austin Tice zu rekonstruieren, hat RSF keine konkreten Beweise dafür gefunden, dass er noch immer festgehalten wird. Es gibt aber auch keinen schlüssigen Beweis dafür, dass er getötet oder hingerichtet wurde. Solange noch Hoffnung besteht, müssen die US-amerikanischen und syrischen Behörden ihre Bemühungen verstärken, ihn zu finden. Wahrscheinlich kennen nur sehr wenige Menschen die Wahrheit. Aber noch haben sich nicht alle dazu geäussert.»
Arnaud Froger
Leiter der RSF-Rechercheabteilung

Wir mussten uns als Patienten ausgeben, die medizinischen Rat suchten, um auch nur ein paar bruchstückhafte Informationen über Austin Tice zu bekommen. Es war Februar 2026, mitten in Damaskus, und die Aufregung, die der Sturz des Regimes von Bashar al-Assad etwas mehr als ein Jahr zuvor ausgelöst hatte, war noch nicht abgeklungen. Genauso wenig wie das Misstrauen. Jahrzehntelange Diktatur und Massenüberwachung hatten ihre Spuren im Land hinterlassen. Die Leute redeten nicht ohne Weiteres. Zeugen aus der Assad-Ära, die den ehemaligen Diktator möglicherweise kompromittieren könnten, waren schwer zu finden. Einige waren auf der Flucht. Andere versteckten sich in ihren Dörfern.

Ein Arzt aus einer Praxis in der syrischen Hauptstadt war bereit, sich mit uns zu treffen. Seinen Namen hatten wir schon einige Monate zuvor erfahren. Er stand auf einer kurzen Liste von Zivilpersonen, die möglicherweise direkten Kontakt zu Austin Tice gehabt hatten.

Seit seiner Festnahme am 14. August 2012 gibt es keinen Beweis dafür, dass der amerikanische Journalist Austin Tice, der unter anderem als Korrespondent für die Washington Post arbeitete, noch am Leben ist. Die einzige Ausnahme ist ein Video, das einige Wochen später veröffentlicht wurde. Es handelt sich dabei um eine plumpe Inszenierung des Assad-Regimes, die den Eindruck erwecken sollte, der Reporter werde von einer Dschihadistengruppe festgehalten.

Der Versuch, die Gefangenschaft von Austin Tice zu rekonstruieren, ist eine lange, mühsame Aufgabe. Wer dieses Rätsel lösen will, muss sich in das undurchsichtige Labyrinth des syrischen Geheimdienstapparats begeben und dabei stets auf der Hut vor Lügnern und Betrügern sein. Sie sind viel zahlreicher als diejenigen Personen, die dem US-Reporter tatsächlich begegnet sind.

Kaum waren wir angekommen, war dem Arzt klar, dass der Termin nicht mit einem medizinischen Rezept enden würde. Wir waren nicht krank. Wir wollten nur Informationen. Er willigte trotz der anfänglichen Täuschung ein, uns zu erzählen, was er über Tice wusste.

Zwischen Ende 2012 und Anfang 2013 traf er Austin Tice dreimal. Der Journalist wurde heimlich in einem kleinen Büro auf dem Stützpunkt der Republikanischen Garde nordwestlich von Damaskus festgehalten. Dessen Kommandant, General Bassam al-Hassan, gehörte zum engsten Kreis um Bashar al-Assad. Der Arzt, der uns Anfang 2026 gegenüber sass, war damals der Leibarzt des Generals gewesen.

«Er hat Zeitschriften gelesen»

Eines Tages brachte eine Patrouille einen ausländischen Patienten ins Spital. Der Arzt wusste nichts über ihn, nicht mal seinen Namen, sagte er. Der Patient, den er später als Austin Tice identifizierte, war 32 Jahre alt. Er war zuvor vier Monate lang vom syrischen Regime festgehalten worden und litt unter starken Bauchschmerzen. Der Arzt ordnete eine Blutuntersuchung an, die er unter dem Namen seiner Pflegerin registrierte, um keine Spuren zu hinterlassen. Die Ergebnisse zeigten nichts Ernstes und deuteten auf eine Lebensmittelvergiftung hin.

In den folgenden Tagen meldete sich das Büro des Generals zweimal beim Arzt und bat ihn, den Journalisten in seiner provisorischen Zelle zu besuchen. «Er las Zeitschriften», erinnerte sich der Arzt. «Es war nichts Ernstes an ihm zu erkennen; nichts, was zu seinem Tod hätte führen können.»

Der Arzt hat Austin Tice daraufhin nie wieder gesehen.

General Bassam al-Hassan, der später im Libanon Zuflucht suchte, erzählte dem US-Sender CNN im Oktober 2025, dass Bashar al-Assad ihm Anfang 2013 befohlen habe, den Journalisten hinrichten zu lassen. Viele an dem Fall Beteiligte haben diese Darstellung der Ereignisse angezweifelt, sie wurde nie bestätigt. Nach Informationen von RSF blieben Durchsuchungen und Überprüfungen, die das FBI im September 2025 an den vom General genannten Orten durchführte, ergebnislos.

Was war also tatsächlich mit dem US-amerikanischen Journalisten passiert?

Austin Tice reiste im Frühjahr 2012 von der Türkei aus nach Syrien ein und berichtete für mehrere US-Medien über den dortigen Bürgerkrieg, der damals bereits im zweiten Jahr war. Zunächst berichtete er aus Nord- und Zentralsyrien. Ab Ende Juli gehörte er zu den ganz wenigen ausländischen Journalisten – vielleicht sogar zum einzigen zu dieser Zeit –, denen es gelang, nach Damaskus zu gelangen. Am 14. August wurde er verhaftet, vermutlich als er versuchte, Syrien über den Libanon zu verlassen.

Die ersten Monate seiner Gefangenschaft sind mittlerweile gut dokumentiert. Er wurde von regimetreuen Kräften verhaftet. Nachdem er im Oktober 2012 kurzzeitig fliehen konnte, wurde er wieder gefasst und direkt an Bassam al-Hassan übergeben, der ihn mindestens bis Anfang 2013 unter seiner Kontrolle hielt. Die Erkenntnisse darüber, was nach dieser Zeit geschah, sind weitaus lückenhafter.

Im Jahr 2025 gelangte RSF an eine schwarze Liste des Assad-Regimes, auf der 148 Journalisten aufgeführt waren, die «illegal nach Syrien eingereist» waren. Die Liste tauchte in einem Memo der Allgemeinen Geheimdienstdirektion vom 4. März 2013 auf. Der Name Austin Tice ist darin enthalten, doch das Dokument enthält keine weiteren Informationen zu seinem Status, obwohl er bereits acht Monate zuvor verhaftet worden war.

Das syrische Regime hat nie offiziell zugegeben, den Journalisten festzuhalten – auch nicht während der seltenen Gespräche auf höchster Ebene mit US-Vertretern. Im August 2020 traf sich Roger Carstens, der US-Sonderbeauftragte des Präsidenten für Geiselfragen, mit Syriens einflussreichem Vizepräsidenten für Sicherheitsangelegenheiten, Ali Mamlouk. Damaskus stellte hohe Forderungen an Carstens: den Abzug der US-Truppen aus Syrien, die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen sowie die Aufhebung der Sanktionen. Die Gespräche scheiterten schnell. Sie führten weder zur Freilassung von Austin Tice, noch lieferten sie den Nachweis, dass er noch am Leben war.

Der Sturz von Assad: eine verpasste Chance für die USA

Im Laufe der Jahre hat das FBI eine umfangreiche Sammlung von Informationen und Augenzeugenberichten zum Fall zusammengetragen, von denen ein Grossteil äusserst schwer zu überprüfen ist. Als das Regime von Bashar al-Assad im Dezember 2024 stürzte, kamen US-Behörden zu dem Schluss, dass Austin Tice «wahrscheinlich am Leben ist, wenn auch mit geringer Sicherheit». Das sagte ein Diplomat, der direkt an dem Fall gearbeitet hatte und den RSF im Dezember 2025 in Washington interviewte.

Da unter den US-Politikern und Sicherheitsbehörden heftige Rivalitäten herrschten und der Übergang zwischen der Biden- und der Trump-Regierung gerade im Gange war, warteten die Amerikaner 12 Tage, bevor sie nach Damaskus einreisten. Eine Ewigkeit. Dort angekommen, blieben sie nicht länger als 24 Stunden. Der Einsatz kam viel zu spät und war viel zu kurz, um einen so komplexen Fall aufzuklären. Das Unterfangen muss daher als Fehlschlag gewertet werden.

Von den sieben möglichen Haftorten, die die US-Ermittler vorrangig besuchen wollten, konnte nur der erste durchsucht werden: ein privater Komplex, der von Bassam al-Hassan genutzt wurde und gegenüber dem Gelände der Republikanischen Garde liegt. Die vor Ort entnommenen DNA-Proben und die dort sichergestellten Dokumente lieferten keine Hinweise. Wurde Austin Tice inmitten des Chaos, das durch den Zusammenbruch des Regimes ausgelöst wurde, verlegt? Könnte er noch am Leben sein und an einem anderen Ort festgehalten werden? Wir wissen es nicht.

Die Hisbollah-Piste

Obwohl die neuen Machthaber in Syrien versprochen haben, Licht in den Fall zu bringen, haben sie bis heute kaum etwas über die von ihnen ergriffenen Massnahmen oder allfällige Fortschritte preisgegeben. Dieses Schweigen ist beunruhigend. Nach Informationen von RSF hat sich kein glaubwürdiger Gesprächspartner an US-Beamte gewandt, um das Schicksal des Journalisten Austin Tice zu besprechen.

Dessen Familie richtet ihren Blick nun auf den Iran. Mehrere Quellen aus dem Umfeld von Bassam al-Hassan haben laut der Washington Post die Hisbollah – die libanesische schiitische Bewegung, die mit Damaskus verbündet ist und von Teheran unterstützt wird – als die Gruppe identifiziert, die Austin Tice möglicherweise 2013 in Gewahrsam genommen hat. Auch die neuen syrischen Behörden gehen dieser Spur nach, wie eine Quelle aus dem Umfeld der Ermittlungen, die RSF in Damaskus interviewt hat, mitteilte.

«Die Antworten sind da draussen, aber vielleicht existieren sie mittlerweile nur noch in den Erinnerungen von einer Handvoll Männer», sagte eine US-Quelle, die jahrelang an dem Fall gearbeitet hat. Um das vierzehnjährige Schweigen zu brechen und die Wahrheit ans Licht zu bringen, muss einer von ihnen bereit sein, auszusagen.

Arnaud Froger

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