Vor genau drei Jahren, am 20. August 2023, wurden sieben ukrainische Medienschaffende aus der besetzten Stadt Melitopol im Südosten der Ukraine von den russischen Streitkräften willkürlich festgenommen. Nur einer der sieben wurde seitdem freigelassen. Die sechs weiteren Journalistinnen und Journalisten verharren trotz der Unrechtmässigkeit ihrer Verurteilungen, trotz Misshandlungen, und trotz fehlender Gerichtsverhandlungen weiterhin in den Gefängnissen des Kremls. RSF macht deshalb zum dritten Jahrestag der Razzia erneut auf ihre Lage aufmerksam und fordert ihre unverzügliche Freilassung.
«Er kann es in seinen Briefen nicht direkt schreiben, aber anhand seiner Andeutungen verstehen wir, dass er Misshandlungen ausgesetzt ist.» Das schreibt Artur Hershon besorgt über seinen Bruder Vladyslav Hershon. Als Administrator des lokalen ukrainischen Telegram-Kanals Melitopol Tse Ukraina wurde dieser vor genau drei Jahren von der russischen Armee verhaftet. Zuvor hatte er regelmässig über den Alltag in der von Russland besetzten Stadt Melitopol im Südosten der Ukraine berichtet.
Zunächst war Vladyslav Hershon in der russischen Oblast Rostow im Südwesten des Landes inhaftiert gewesen. Laut den Angaben seines Bruders wurde er dort täglich geschlagen. Dieses Jahr wurde er dann in ein Gefängnis östlich von Moskau, in der Stadt Wladimir, verlegt. Der heute 28-Jährige Journalist wurde 2025 wegen seiner journalistischen Tätigkeit und wegen «Spionage» und «Terrorismu» zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis leidet er nun unter einer Nierenerkrankung sowie unter starkem Juckreiz, wie sein Bruder Artur mitteilt.
Vladyslav Hershon ist aber bei weitem nicht der Einzige in einer solchen prekären Situation. Fünf seiner sechs Kollegen und Kolleginnen, die gemeinsam mit ihm am 20. August 2023 in Melitopol festgenommen wurden, befinden sich ebenfalls noch immer in Haft. Sie hatten vor ihrer Verhaftung mit zwei lokalen Nachrichtenkanälen auf Telegram, Melitopol tse Ukraina sowie RIA-Pivden, zusammengearbeitet und wurden mittlerweile zu grösstenteils hohen Haftstrafen verurteilt.
Bis zu 26 Jahre Haft
Die Verurteilung der sechs Medienschaffenden hatte Strafen zwischen 14 und 26 Jahren zur Folge. Erst im vergangenen April wurde Oleksandr Malyshev, der Administrator des Telegram-Kanals Melitolop tse Ukraina, wegen «terroristischer Anschläge» sowie wegen «Spionage» zu 26 Jahren Haft verurteilt. Es handelt sich dabei um die schwerste Strafe, die seit der grossangelegten Invasion Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 gegen einen Journalisten verhängt wurde. Malyshev ist in der Haftanstalt Nr. 3 in Nowotscherkassk in der Oblast Rostow im Südwesten Russlands inhaftiert.
Einige Monate zuvor, im November, war sein Kollege Maksym Rupchov, seinerseits wegen «Verrats» und «Beteiligung an einer terroristischen Organisation», zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Nach Informationen von RSF wurde Rupchov fast 3’000 Kilometer von Melitopol entfernt nach Charp in Jamal im Norden Russlands verlegt.
Noch etwas davor, Im Oktober, wurde Yana Suvorova wegen «Terrorismus» und «Spionage» zu 14 Jahren Haft verurteilt. Sie ist mit 21 Jahren die Jüngste der Gruppe und befindet sich heute im Gefängnis Nr. 2 in Taganrog, das für die Misshandlung ukrainischer Häftlinge bekannt ist, und wo auch die ukrainische Journalistin Viktoria Roschyna inhaftiert war, bevor sie in Haft gestorben ist. RSF hat das in Vergangenheit bereits dokumentiert.
Weiterhin ungewisses Schicksal
Unsicherheit herrscht weiterhin hinsichtlich des Schicksals des Administrators des Telegram-Kanals des lokalen Nachrichtenmediums RIA-Pivden – ehemals RIA-Melitopol – Heorhiy Levtchenko. Im September 2025 wurde er wegen «Hochverrats» zu 16 Jahren Haft verurteilt. Einige Monate nach seinem Prozess wurde er in das Gefängnis Nr. 2 in Simferopol auf der besetzten Krim verlegt. Damals erklärte er, in Moskau Berufung einlegen zu wollen. Nach den RSF vorliegenden Informationen bestätigte der Oberste Gerichtshof der Russischen Föderation sein Urteil im Juni 2026 allerdings. Levtchenkos derzeitiger Haftort ist nicht bekannt, wie die Direktorin von RIA-Pivden, Svitlana Zalizetska, mitteilt: «Wir prüfen derzeit Informationen, wonach Heorhiy möglicherweise in die Republik Altai in Russland verlegt worden sein könnte, um dort seine Strafe zu verbüssen.» Allerdings seien die Möglichkeiten begrenzt, um verlässliche Informationen über seinen Haftort zu erhalten, wie die ukrainische Journalistin sagt.
Von den besagten Medienschaffenden ist zudem Anastasia Hloukhovska, die bis zur gross angelegten russischen Invasion im Jahr 2022 als Journalistin für Ria-Pivden tätig war, die Einzige, die weder strafrechtlich verfolgt noch verurteilt wurde. Sie sitzt seit drei Jahren in Isolationshaft, ihr Aufenthaltsort konnte dennoch ermittelt werden: Von RSF befragte Zeugen bestätigten ihre Anwesenheit im Gefängnis Nr. 3 in Kisel, Tausende von Kilometern östlich der Ukraine.
Die Hoffnung auf einen Gefangenenaustausch
Die Familien der inhaftierten Journalistinnen und Journalisten aus Melitopol setzen ihre Hoffnungen auf einen Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland, der die Rückkehr ihrer Angehörigen ermöglichen würde. Ein Präzedenzfall nährt dabei diese Hoffnung: Mark Kaliush, Administrator von Melitopol Tse Ukraina, der ebenfalls am 20. August 2023 festgenommen wurde, wurde vor fast genau einem Jahr, am 24. August 2025, im Rahmen eines Austauschs freigelassen, ebenso wie der Reporter Dmytro Kyliuk.
Die Ukraine habe zwar im Rahmen von Austauschverhandlungen mit Russland eine Liste von Journalistinnen und Journalisten erstellt, sagte der ukrainische Menschenrechtsaktivist Dmytro Lubinets an einer Pressekonferenz am 12. August dieses Jahres. Doch Artur, der Bruder von Vladyslav Hershon, erinnert daran, dass das grösste Hindernis für die Freilassung seines Burders nach wie vor das Nachbarland Russland sei.
«Drei Jahre nach ihrer willkürlichen Verhaftung sind sechs ukrainische Medienschaffende aus Melitopol noch immer Opfer des repressiven Systems des Kremls. Nichts rechtfertigt ihre fortdauernde Inhaftierung in russischen Gefängnissen unter unmenschlichen und erniedrigenden Bedingungen, zum Teil ohne jegliche Auskunft über ihren genauen Haftort. RSF fordert ihre sofortige und bedingungslose Freilassung sowie die Freilassung aller von Russland inhaftierten Medienschaffenden.
Pauline Maufrais
Regionalbeauftragte für die Ukraine bei RSF
Bis dato hat RSF mindestens 27 ukrainische Medienschaffende erfasst, die von Moskau inhaftiert wurden. Die Anfragen von RSF an die russischen Behörden bezüglich dieses Falls blieben bislang unbeantwortet.