Serbien ist das einzige Land in der Region Balkon / EU, aus dem Journalistinnen und Journalisten aus berufsbedingten Gründen das Land verlassen mussten. Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert die darum EU auf, nicht länger die Augen vor der schwindenden Medienfreiheit beim EU-Beitrittskandidaten zu verschliessen.

Trotz ihrer Flucht sehen sie sich weiterhin Bedrohungen ausgesetzt. Der Journalist Marko Vidojković, Kolumnist bei der Tageszeitung Danas und Moderator des Podcasts «Dobar, loš, zao» (Gut, böse, hässlich), verliess Serbien bereits im Jahr 2023. Er hatte damals Morddrohungen erhalten, nachdem er bereits Ziel einer öffentlichen Verleumdungskampagne unter der Führung von Präsident Aleksandar Vučić geworden war. Erst am 16. August 2026 wurden laut Angaben des Verbandes unabhängiger Journalisten Serbiens (IJAS) erneut Aufrufe zu seiner Ermordung laut. Die polizeilichen Ermittlungen zu den Drohungen gegen Vidojković haben bislang zu keinem Ergebnis geführt.

Marko Vidojković ist nach Angaben von RSF einer von sechs serbischen Journalisten, die inzwischen aus dem Exil heraus arbeiten. Einer von ihnen verliess das Land im Jahr 2024, vier weitere verliessen Serbien in diesem Jahr.

«Abgesehen von vereinzelten Fällen ist Serbien das einzige Land in der Region Balkan/EU, in dem Medienschaffende zunehmend ihre Heimat verlassen müssen, um sicher arbeiten zu können. Dies ist das Ergebnis der systematischen Unterdrückung des Journalismus durch die serbische Regierung und der von ihr geförderten Straflosigkeit für Verbrechen an Journalistinnen und Journalisten. Die Verbesserung der Medienfreiheit ist eine wichtige Voraussetzung für die EU-Integration Serbiens, dennoch fliehen mehr und mehr serbische Journalisten in die EU. Die EU-Kommission und die EU-Mitgliedstaaten müssen aufhören, mit Serbien über dessen Beitritt zu verhandeln, während sie weiterhin so tun, als ob nichts geschehen sei.»
Pavol Szalai
Direktor, RSF-Büro Prag

Der jüngste Fall eines exilierten Journalisten betrifft Aleksandar Radić. Der freischaffende Journalist ist auf Militärangelegenheiten spezialisiert und berichtete im Jahr 2025 als einer der ersten, dass bei regierungskritischen Demonstrationen in Belgrad am 15. März 2025 wahrscheinlich sogenannte Schallwaffen gegen die Teilnehmenden eingesetzt worden sei. Dabei handelt es sich um nicht-tödliche Waffen, die unter enorm hohem Druck Schallwellen abfeuern, die so laut sind, dass sie bei den Betroffenen starke Schmerzen auslösen. Radićs Berichte deckten sich mit anderen Medienberichten.

Die Oberstaatsanwaltschaft in Belgrad untersucht seither, ob diese Darstellung erfunden wurde. Radić wurde zu einem «Informationsgespräch» festgehalten; anschliessend veröffentlichten regierungsnahe Medien Überwachungsaufnahmen von ihm und seiner minderjährigen Tochter, ebenso wie seine privaten Nachrichten mit anderen Journalisten. Aufgrund von Drohungen mit politischen Angriffen und einer möglichen Verhaftung verliess Aleksandar Radić Serbien Ende Juni 2026. Am 17. Juli reichte das Innenministerium eine Strafanzeige gegen ihn ein, in der ihm die Vorbereitung von Handlungen gegen die verfassungsmässige Ordnung und die Sicherheit Serbiens sowie die Weitergabe von geheimen Informationen vorgeworfen wurde.

Die Spirale der Gewalt gegen Medienschaffende

RSF kennt die Identitäten und die EU-Aufnahmeländer der anderen im Exil lebenden Journalistinnen und Journalisten, hat sich jedoch aus Sicherheitsgründen dazu entschieden, diese Informationen nicht zu veröffentlichen. Die besagten Medienschaffenden wurden, nachdem sie Machtmissbrauch und Korruption aufgedeckt und für nationale und lokale Medien kritisch über die serbische Regierung berichtet hatten, Verleumdungskampagnen ausgesetzt. Diese wurden von der Regierung angeheizt und von regierungsnahen Medien verstärkt. Ausserdem sahen sich die betroffenen Medienschaffenden mit willkürlichen Massnahmen der Strafverfolgungsbehörden, missbräuchlichen Klagen, Morddrohungen und sogar körperlicher Gewalt konfrontiert.

Ein aktueller Bericht zur Medienfreiheit in Serbien, der von RSF mitunterzeichnet wurde, verurteilt die Gewaltspirale, von der die gesamte Medienbranche in Serbien betroffen ist. RSF führte den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić im Jahr 2025 in der Liste der «Feinde der Pressefreiheit» auf.

Obwohl die EU-Kommission im Juli in ihrem Bericht zur Rechtsstaatlichkeit zum Schluss kam, dass sich «die Sicherheit von Medienschaffenden in Serbien weiter verschlechtert» habe, schlug sie noch im selben Monat vor, die Beitrittsverhandlungen mit Serbien um weitere Kapitel zu ergänzen. Sie war der Ansicht, dass das allgemein erforderliche Schwelle der Rechtstaatlichkeit in Serbien erreicht worden sei. Acht Mitgliedstaaten erhoben allerdings unter Berufung auf die Rechtsstaatlichkeit Einwände und blockierten damit faktisch die Eröffnung der neuen Verhandlungskapitel.

Serbien belegt in der RSF-Rangliste der Pressefreiheit 2026 Platz 104 von 180 Ländern und Gebieten und damit den letzten Platz unter den 40 Ländern der EU-Balkan-Zone.

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