Die Journalistin Sophie Woeldgen berichtet seit 2020 aus dem Libanon über das Geschehen im Nahen Osten. Zuerst arbeitete sie für das Online-Medium Heidi.news, heute arbeitet sie als freie Journalistin hauptsächlich für die Westschweizer Zeitung Le Temps sowie für Le Soir (Belgien) und La Tribune du Dimanche (Frankreich). Im Interview gibt sie uns Einblicke in den Berufsalltag einer Korrespondentin in der Region: Gezielte Angriffe auf Medienschaffende, prekäre Arbeitsbedingungen für freischaffende Journalistinnen, sowie die psychische Belastung im Alltag, der vom permanenten Summen der Drohnen geprägt ist.
Sie berichten aus einem hochbrisanten Gebiet, insbesondere aus dem Südlibanon, der von der israelischen Armee als Kampfzone eingestuft wird. Wie schafft man es, unter solchen Bombardements zu arbeiten?
Es ist viel schwieriger, über diesen Krieg zu berichten als über die früheren Phasen des Konflikts. Zwar wurde bereits 2024 Issam Abdallah, ein Journalist bei Reuters, durch Artilleriefeuer getötet und die AFP-Fotografin Christina Assi schwer verletzt. Dabei waren sie eindeutig als «Presse» gekennzeichnet und befanden sich auf einer freien Strasse, die wir alle benutzten. Die Ermittlungen haben gezeigt, dass es sich um einen gezielten Angriff handelte. Für uns Journalistinnen und Journalisten stellte sich daraufhin die Frage: Sollen wir weiterhin unsere Pressekennzeichnungen tragen und damit riskieren, ins Visier zu kommen? Oder sollen wir uns besser in Zivil bewegen, um uns unter die Menge zu mischen? Das ist ein ständiges Dilemma. Seit Oktober 2023 wurden im Libanon etwa zwanzig Journalisten getötet.
Wie sieht eine typische Woche als Journalistin im Libanon aus?
Das ist etwas kompliziert, da ich viel unterwegs bin, aber es hängt vom Kontext ab. Es kommt ganz darauf an, ob man sich in einer Phase der Eskalation, eines hochintensiven Krieges oder in ruhigeren Phasen befindet. Als Korrespondentin besteht die Verpflichtung, jederzeit reagieren zu können. Natürlich plane ich Interviews und Treffen, um den Kontakt aufrechtzuerhalten, Beziehungen zu knüpfen und Hintergrundinformationen zu erhalten. Diese Arbeit steht weniger im Zusammenhang mit dem aktuellen Geschehen, liefert aber Stoff für Artikel und trägt zum Verständnis des Landes bei. Daneben gibt es die dringenden Einsätze: Wenn an einem Ort etwas passiert, steige ich ins Auto und fahre hin. Das kann um 6 Uhr morgens sein, am frühen Nachmittag, am anderen Ende des Landes oder an einem Sonntag. Diese Reaktionsfähigkeit ist absolut zentral.
Im Gegensatz zu anderen Korrespondenten haben Sie sich dafür entschieden, ohne Fixer vor Ort zu arbeiten. Warum?
Genau darin liegt die Stärke einer lokalen Korrespondentin: Man nimmt sich die Zeit, ein eigenes Netzwerk mit direkten Kontakten aufzubauen. Wenn es die Situation erfordert, kann ich meine Quellen direkt anrufen, um zu erfahren, ob eine Strasse offen, gesperrt oder gefährlich ist. Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Aspekt: Fixer verlangen extrem hohe Honorare. Fernsehsender oder grosse US-Medien zahlen Summen, die wir als Printjournalisten nicht aufbringen können. Und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass man ohne Vermittler eine andere, menschlichere Beziehung zu den Menschen vor Ort aufbauen kann.
Hat die Gewalt gegen Medienschaffende und Zivilpersonen in den letzten Monaten zugenommen?
Es gibt natürlich schreckliche Beispiele, wie das von Amal Khalil, einer Kollegin, mit der ich zusammengearbeitet habe. Sie und ihre Kollegin befanden sich direkt hinter einem Auto, als dieses von einer Drohne getroffen wurde. Sie suchten sofort Zuflucht in einem Gebäude, das wiederum von einem israelischen Kampfflugzeug getroffen wurde. Das Rote Kreuz und die libanesische Armee versuchten, einzugreifen, um sie zu bergen, wurden jedoch von der israelischen Armee beschossen. Die Sperrung des Zugangs dauerte sechs Stunden. Als das Rote Kreuz endlich herankommen konnte, war Amal bereits ihren Verletzungen erlegen. Als Europäer geniessen wir einen relativen Schutz, doch unsere libanesischen Kolleginnen und Kollegen stehen an vorderster Front. Im Süden ist eine systematische, gezielte Bekämpfung von Rettungskräften und Medienschaffenden zu beobachten. In diesem Jahr, angesichts der massiven Evakuierungen, ist jedes Fahrzeug, das in Bewegung ist, zu einem Ziel geworden. Unsere Handlungsspielräume sind minimal und erfordern das Eingehen grosser Risiken.
Wie bewerten Sie angesichts einer solchen Gefahr diese Risiken? Sehen Sie in Bezug auf die Sicherheit einen Unterschied zu Ihren festangestellten Kollegen?
Die Sicherheit vor Ort ist sehr unbeständig, sie ändert sich innerhalb weniger Minuten. Einige meiner festangestellten Kollegen müssen für jeden Einsatz die Genehmigung eines Sicherheitsbeauftragten einholen, der in Paris oder anderswo stationiert ist. Für mich ist diese Vorgehensweise kontraproduktiv. Vor Ort beobachtet man eine Ruhepause direkt, stellt fest, dass gerade keine Drohne in der Luft ist, weiss, wen man treffen wird. Da muss man die Gelegenheit beim Schopf packen. Das Warten auf Genehmigungen von Vorgesetzten aus der Ferne blockiert dies. Die Risikoeinschätzung aus einem Pariser Büro hat nichts mit der Realität vor Ort zu tun. Aber es gibt kein Nullrisiko.
Das heisst?
Die Gefahr im Libanon besteht heute nicht darin, von einem Splitter getroffen zu werden und darauf zwei Monate krankgeschrieben zu werden. Aus Gesprächen mit medizinischem Personal weiss man, dass die Überlebenschancen bei einem Drohnenangriff auf ein Auto praktisch gleich null sind. Die Frage wird dann zu einer rein journalistischen: Ich gehe nicht vor Ort, nur um dorthin gegangen zu sein. Die Abwägung muss streng sein: Rechtfertigen die Informationen, die ich erhalten werde, dieses spezifische Risiko? Wenn das redaktionelle Ziel entscheidend ist, dann nehme ich dieses Risiko in Kauf. Mit der Erfahrung entwickelt man auch Reflexe, man lernt, das Verhalten einer Drohne über unseren Köpfen zu analysieren oder sich in den Schatten zu begeben. Denn man weiss, dass man in der Sonne viel besser sichtbar ist.
Gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen festangestellten Medienschaffenden und freiberuflichen Korrespondentinnen wie Ihnen?
Das eigentliche Grundproblem ist der gravierende Mangel an Mitteln und die systemische Unterbezahlung freiberuflicher Korrespondenten. Um ehrlich zu sein, verdiene ich weniger als den Genfer Mindestlohn. Ich komme gerade so über die Runden, weil ich keine Kinder habe, aber es ist eine zermürbende Arbeit, sieben Tage die Woche, seit Monaten. Und die Mehrheit meiner freiberuflichen Kollegen verdient noch viel weniger als ich. Meine Situation ist nicht die prekärste, da ich weiss, dass mich einige Medien unterstützen. Ich fühle mich in dieser Hinsicht sicher, aber eine solche prekäre Lage treibt uns zu eher grösseren Risiken und Gefahren. Das bedeutet etwa auch, auf einen Psychologen zu verzichten, weil das zu teuer ist. Um einen Artikel verkaufen zu können, sehen sich manche Freiberufler gezwungen, unverhältnismässige Risiken einzugehen. Ich sehe Kollegen, die Zwangsstörungen entwickeln, unter Schlaflosigkeit leiden, extrem nervös werden – bis zu dem Punkt, an dem sie den Beruf komplett aufgeben. In der Schweiz bietet der Status als Freiberufler absolut keine Sicherheit. Wenn ich morgen ein gesundheitliches Problem habe, stellt sich sofort die Frage: Wie lange kann ich finanziell durchhalten, bevor ich wieder arbeiten muss?
Sie leben derzeit in Beirut. Wie sieht Ihr Alltag aus?
Kurz vor unserem Gespräch musste ich alle Fenster meiner Wohnung schliessen, weil eine Drohne über meinem Wohnhaus kreiste. Sonst wäre das Summen so laut, dass Sie mich nicht hören könnten. Ich habe das Glück, in einem christlichen Viertel zu wohnen, das von direkten Bombardements verschont bleibt. Aber die psychologische Kriegsführung ist allgegenwärtig. Der Konflikt hat sich in letzter Zeit verschärft, doch schon seit Monaten sind wir unvorhersehbaren Bombardements und einer permanenten Anspannung ausgesetzt. Der Alltag mit Drohnen über dem Kopf ist zermürbend. Die Lautstärke dieser Fluggeräte ist ohrenbetäubend und dringt körperlich in einen ein: Wenn die Drohne sehr tief herabfliegt und stundenlang in der Luft verharrt, spüre ich, wie mein Herzschlag schneller wird und sich meine Muskeln anspannen. Die Nachbarn regen sich auf, die Kinder weinen, die Tiere geraten in Panik. Mein Vater, der mir immer sagte, ich würde übertreiben, hat mich letztes Jahr besucht. Nach zwei Tagen mit ununterbrochenem Drohnenlärm wurde er fast wahnsinnig und konnte nicht verstehen, wie man diese ständige Verletzung des Luftraums ertragen kann. Im Libanon ist dieser ständige Lärm leider zur Normalität geworden.
Beeinträchtigt diese Erschöpfung die Qualität Ihrer Arbeit?
Das erfordert enorme Energie. Ich liebe dieses Land und seine Bewohner von ganzem Herzen, und es ist eine bewusste Entscheidung meinerseits, hier zu sein. Aber nach wochenlangen Bombardements gibt es Momente, in denen ich einfach nur nach Hause gehen, zur Ruhe kommen und unter normalen Bedingungen Journalismus betreiben möchte – dort, wo es durchgehend Strom gibt, wo Ruhe herrscht und wo man ordentlich essen und schlafen kann. Wenn ich in die Schweiz zurückkehre, ordnen sich die Gedanken in meinem Kopf ganz klar, einfach weil ich schlafen konnte. Die Denkfähigkeit ist beeinträchtigt, wenn ein Grossteil der täglichen Energie für reine Überlebensmechanismen benötigt wird.
Sie haben Ihr Vertrauensnetzwerk vor Ort erwähnt, aber wie ist die allgemeine Einstellung der Bevölkerung gegenüber Journalisten? Stellen Sie Misstrauen fest oder hat sich die Lage in den letzten Jahren verändert?
Ich habe die israelische Armee erwähnt, aber es gibt auch die Hisbollah, die im Südlibanon kämpft. Sie überwachen unsere Positionen und Bewegungen sehr genau. Es ist immer noch möglich, sich zurechtzufinden, aber das erfordert viel Mühe, Kontakte und Geduld. Wenn ein Versuch am ersten Tag scheitert, muss man es am nächsten Tag erneut versuchen, in der Hoffnung, nicht auf die Person zu stossen, die den Weg versperrt. Das ist eine ständige Herausforderung, aber genau das macht den Beruf auch so faszinierend. Im Iran und in Teilen Syriens kommt man zum Beispiel nicht um einen Fixer herum, was die Freiheit einschränkt. Er schuldet den Behörden Rechenschaft und riskiert Ärger, wenn die journalistische Arbeit zu forsch oder kritisch ausfällt. In Jordanien sind die Kontrollen streng, und der Norden Israels ist für Journalisten fast vollständig abgesperrt. Die gesamte Region unterliegt einer umfassenden Zugangsbeschränkung.
Sophie Sager, Projektverantwortliche RSF Schweiz
(Titelbild: Alexndra Henry. Auf dem Foto: Sophie Woeldgen fotografiert Panzer in der Nähe des Kontrollpunkts, der nach Kobane am Euphrat führt. Die Strasse war Ende Januar 2026 von Kämpfern der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) erobert worden.)