Trotz der bedingten Wiedereröffnung des Grenzübergangs Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten am 1. Februar leben Medienschaffende in der Enklave weiterhin unter der Bedrohung der Blockade, ohne Ressourcen, ohne Bewegungsfreiheit und ohne angemessene Infrastruktur. Reporter ohne Grenzen (RSF) fordert die israelische Regierung auf, die Blockade unverzüglich aufzuheben.
«Fast vier Monate nach dem Waffenstillstand sind die Medienschaffenden in Gaza am Ende ihrer Kräfte. Obwohl eine bedingte und begrenzte Öffnung angekündigt wurde, sind sie weiterhin von der Welt abgeschnitten, werden weiterhin bedroht, sind erschöpft und werden vergessen. Trotz ihrer begrenzten Mittel, trotz der zerstörten Infrastruktur, trotz allem berichten sie weiter über das Geschehen. Dabei brauchen sie Schutz und Unterstützung. Die israelischen Behörden müssen endgültig aufhören, Reporterinnen und Reporter ins Visier zu nehmen und sie daran zu hindern, das Gebiet zu verlassen und wichtige Hilfsgüter zu erhalten. Zudem müssen Sie der internationalen Presse Zugang gewähren, damit diese erschöpften Medienschaffenden, die zwei Jahre Krieg und extreme Not unter ständiger Bedrohung erlebt haben, Hilfe erhalten können.»
Jonathan Dagher
Leiter des Nahost-Büros von RSF
Das Leben von Medienschaffenden in Gaza bedeutet, täglich mit folgenden Problemen konfrontiert zu sein:
1- Erschöpfung: Nach mehr als zwei Jahren Berichterstattung unter extremen Bedingungen sitzen die Journalistinnen und Journalisten westlich der sogenannten «gelben Linie» fest – einer Linie, die das Gebiet begrenzt, aus dem sich die israelische Armee seit dem Waffenstillstand zurückgezogen hat und die den Gazastreifen von Norden nach Süden in zwei Teile teilt. Ihre Kolleginnen und Kollegen aus der ausländischen Presse können aufgrund des erneut verhängten Verbots der israelischen Regierung nach wie vor nicht zu ihnen kommen und ihnen Unterstützung in der Berichterstattung anbieten.
2- Bedrohung: Im Januar 2026 wurden erneut drei Journalisten von einer israelischen Drohne ins Visier genommen und getötet. Trotz eines offiziellen Waffenstillstands greift die israelische Armee weiterhin die Bevölkerung in der Nähe der «gelben Linie» an und führt gezielte Tétungen in Gebieten durch, die für Zivilisten und Journalistinnen bestimmt sind.
3- Die Zerstörung: Da ihre Häuser zerstört wurden, leben Medienschaffende in Zelten oder in stark beschädigten Wohnungen. Es mangelt ihnen an Kameras, Stativen, Akkus, Telefonen, Ladegeräten und angemessener Sicherheitsausrüstung. Auch die Kommunikationsinfrastruktur ist stark beschädigt, und der Zugang zu Strom und Internet ist selten, langsam und teuer.
4- Prekäre Lage: Viele freie Reporterinnen und Reporter arbeiten ohne festen Vertrag und mit immer weniger Aufträgen aus Gaza. Hinzu kommt eine galoppierende Inflation: Ein Liter Kraftstoff kostete 2023 sieben Schekel (fast zwei Franken), heute kostet er fast 75 Schekel (fast 20 Franken).
«Von der Welt vergessen»
Vor dem Waffenstillstand in Gaza berichtete Nour Swirki sechs- bis siebenmal täglich live für den ägyptischen Fernsehsender Al Sharq TV. Fast vier Monate nach der offiziellen Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Israel und der Hamas werden ihre Berichte nur noch ein- bis zweimal täglich ausgestrahlt. Die Journalistin, die für den RSF-Courage-Preis 2025 nominiert wurde, musste im April 2024 die unmögliche Entscheidung treffen, ihre beiden Kinder aus Gaza zu evakuieren und selbst vor Ort zu bleiben, um weiterhin über die Lage in dem Gebiet zu berichten. «2026 sind wir nicht mehr das Hauptthema», bedauert sie.
Der nachlassende Druck, über die aktuellen Ereignisse zu berichten, gibt ihr zwar Zeit, sich zu erholen, doch die Leere ist schwer zu ertragen. «Wir haben endlich Zeit, zu trauern. Wir werden uns bewusst, was wir verloren haben. All unsere Kolleginnen und Kollegen, die ermordet wurden. Und gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass die Welt uns vergessen hat.» Ihr Kollege Anas Baba, seit 2019 offizieller Korrespondent des amerikanischen Radiosenders National Public Radio (NPR), bestätigt: «Die internationalen und regionalen Medien haben ihr Interesse an der Berichterstattung aus Gaza weitgehend verloren. Die unabhängigen Journalistinnen und Journalisten, die weiterhin über [die palästinensische Enklave] berichten, arbeiten ohne Verträge, ohne Stabilität und ohne Schutz.»
Trotz Waffenstillstand bestehen die Gefahren weiter
Und doch bestehen die Gefahren weiter. Am 21. Januar wurden drei Kollegen von Nour Swirki bei Al Sharq TV, Mohammad Salah Qashta, Anas Ghneim und Abdul Raouf Shaath – ebenfalls freiberufliche Mitarbeiter der Agence France-Presse (AFP) – von einer israelischen Drohne angegriffen und getötet. Ihre Namen reihen sich ein in die blutige Bilanz von mehr als 220 Journalistinnen und Journalisten, die gemäss Angaben von RSF von der israelischen Armee in Gaza getötet wurden. Mindestens 68 von ihnen wurden dabei im Rahmen ihrer Arbeit angegriffen und getötet. «Ihr Tod hat uns fassungslos gemacht», sagt Nour Swirki. «Wir sind alle Ziele, jederzeit gefährdet. Und kein Ort ist sicher.» Tatsächlich ist der Bewegungsradius der Zivilbevölkerung von Gaza, einschliesslich der Journalistinnen und Journalisten, seit dem Waffenstillstand auf den westlichen Teil der von der israelischen Armee festgelegten und rund um die Uhr überwachten «gelben Linie» beschränkt. Fast die Hälfte des Gebiets jenseits dieser Linie ist selbst für die lokale Presse völlig unzugänglich.
Selbst Medienschaffende auf der «richtigen Seite» der Linie können laut Reportern ohne Vorwarnung ermordet werden, wenn sie von der Armee als verdächtig eingestuft werden. «Die Armee verfolgt und tötet weiterhin Journalisten in Gaza», sagt Thaer al-Moustafa, freier Journalist. «Wir brauchen Schutz.»
Anhaltende Blockade, zerstörte Infrastruktur
Da Evakuierungen aus Gaza selten sind und die Hilfe begrenzt ist, bleiben die vor Ort anwesenden Reporterinnen und Reporter von der Welt abgeschnitten und verfügen weder über funktionsfähige Ausrüstung, noch über Schutzmaterial oder einen angemessenen Zugang zu Strom, Treibstoff und Internet. «Der Internetzugang ist nicht überall verfügbar und sehr teuer – manchmal zehnmal so teuer wie sonst. Genauso wie das Aufladen des Telefons, die Suche nach einem Auto oder der Kauf von Treibstoff», erklärt Nour Swirki. Die Journalistinnen und Journalisten aus Gaza haben bei den Bombardierungen auch ihre Häuser und Büros verloren. Einige konnten vorübergehend Wohnungen mieten, andere leben und arbeiten weiterhin in Zelten oder in der Nähe von Krankenhäusern. Angesichts dieser Notlage «ist die Berichterstattung eher zu einer Frage des Überlebens als zu einer einfachen journalistischen Aufgabe geworden», fasst Anas Baba zusammen.
Auf der anderen Seite der Grenze halten die israelischen Behörden trotz internationalen Drucks und einer kürzlichen Anhörung vor dem israelischen Obersten Gerichtshof, an der auch RSF teilgenommen hat, an ihrem Einreiseverbot für ausländische Medienvertreter nach Gaza fest. «Wir brauchen die Unterstützung unserer Kolleginnen und Kollegen», erklärt Nour Swirki. «Nicht, weil wir der Aufgabe nicht gewachsen sind, sondern weil wir erschöpft sind und uns bestimmte Fähigkeiten, Werkzeuge und Fachkenntnisse im Bereich der Recherche fehlen, die sie uns vermitteln können.»