Seit 800 Tagen befindet sich die aserbaidschanische Journalistin Sevinj Vagifgizi in Haft. Die Chefredaktorin des unabhängigen investigativen Medienunternehmens Abzas Media wurde in diesen über zwei Jahren vom Gefängnispersonal geschlagen, ihr wurden persönliche Gegenstände in ihrer Zelle verweigert, ebenso eine ausreichende Versorgung mit Wasser und Lebensmittel. Im September 2025, nach 675 Tagen in Haft, wurde Vagifgizi in ein fern abgelegenes Gefängnis verlegt, was sie nur noch mehr isolierte. Sie und 24 weitere unabhängige Medienschaffende sitzen aktuell wegen ihrer Arbeit in Aserbaidschan im Gefängnis. Mit einer internationalen Solidaritätsaktion macht Reporter ohne Grenzen (RSF) am Mittwoch, 28. Januar, auf die prekäre Situation der Inhaftierten aufmerksam und stellt mitten in den Städten Bern, Paris und Berlin die Zellen und die Haftbedingungen der Medienschaffenden nach.
Wann: Mittwoch, 28. Januar, ca. 13-16 Uhr
Wo: Bärenplatz Bern
Was: Solidaritätsaktion für inhaftierte Medienschaffende in Aserbaidschan
«Psychologische Einschüchterungen, Schikanierungen, Dreck, mangelnde Hygiene, ja gar Folter müssen unabhängige Medienschaffende in Aserbaidschan im Gefängnis ertragen. Und das alles nur, weil sie ihrer Arbeit als Journalist oder als Journalistin nachgegangen sind und kritisch über das Regime in Baku berichtet haben. Die Zelle, in der Sevinj Vagifgizi inhaftiert ist, ist gerade einmal 4 m² gross. Dabei schreibt das zum Europarat gehörende Komitee zur Verhütung von Folter eine Mindestgrösse einer Zelle exklusive sanitärer Einrichtungen von 6m² vor. Diese Standards werden in Aserbaidschan, das Mitglied im Europarat ist, nicht eingehalten. Wir dürfen das Schicksal der dort inhaftierten Medienschaffenden nicht vergessen und rücken ihre Geschichten darum nun in den Fokus. Und wir rufen demokratische Regierungen weltweit dazu auf, den Druck auf die aserbaidschanischen Behörden und auf den Präsidenten Alijew zu erhöhen.»
Denis Masmejan
Generalsekretär von RSF Schweiz
Aserbaidschan ist ein autoritär regierter Petro-Staat, der für Europa und auch für die Schweiz ein wichtiger Partner im Energiebereich ist. Die staatliche Öl- und Gasgesellschaft Socar (State Oil Company of the Republic of Aserbaidschan) hat in der Schweiz eine solide Geschäftspräsenz und betreibt über 200 Tankstellen. Zahlreiche dieser Tankstellen haben mit dem Migros-Unternehmen Migrolino AG einen Franchise-Vertrag abgeschlossen.
Auch generell investiert Aserbaidschan massiv in seine Imagepflege in Europa – trotz des autoritären Regierungsstils in Baku und der harten Repression gegen Medienschaffende. Ab der Saison 2025/2026 ist das Land beispielsweise Premiumpartner aller Weltmeisterschaften des internationalen Skiverbands FIS. So auch für die alpine Ski-WM 2027 in Crans-Montana im Wallis.
Prekäre Haftbedingungen, Drohungen und limitierte Kontakte zur Aussenwelt
Die Haftbedingungen der aserbaidschanischen Medienschaffenden müssen vor diesem Hintergrund gesehen werden. Der schwer kranke Journalist Alesker Mammadli erhält dort etwa keine medizinische Versorgung. Auch die Journalistin Nargiz Absalamova berichtet, dass Ärzte für Medikamente und medizinische Versorgung teils den dreifachen Preis verlangen. Generell haben die Medienschaffenden einen stark eingeschränkten Kontakt zur Aussenwelt. Wenn sie mit ihren Angehörigen oder Anwälten kommunizieren möchten, dann ist dies oft nur unter der Bedingung möglich, dass sie aufhören, über die Situation in den Haftanstalten zu berichten. Die Journalistin Ulviyya Ali, die früher für Voica of America tätig war und seit dem 7. Mai 2025 in Haft sitzt, schreibt etwa: «Ich versuche, aufgrund der Informationsblockade im Gefängnis nicht den Bezug zur Realität zu verlieren.»
Trotz dieser Drohungen, Bestrafungen und widrigsten Bedingungen bleiben auch die anderen Medienschaffenden nicht still und berichten weiter über die Haftbedingungen im Gefängnis, so gut es irgendwie geht. Die unabhängige Reporterin Nargiz Absalamova schreibt etwa in einem Brief: «Im Untersuchungsgefängnis von Baku bekommen Frauen oft Läuse. Das liegt am Wassermangel. Heisses Wasser wird nur zweimal pro Woche während zwei bis drei Stunden bereitgestellt. Kaltes Wasser gibt es zweimal täglich – jeweils während einer Stunde am Morgen und während einer Stunde am Abend.»
Geschichten der 25 Medienschaffenden im Fokus
Im Mittelpunkt der RSF-Solidaritätsaktion stehen 25 inhaftierte Medienschaffende, deren Namen unten aufgeführt sind. In Bern stellen wir ein 4m² grosses Zelt auf, das als Attrappe für die 4m² grossen Isolationszellen in den Untersuchungsgefängnissen Aserbaidschans dient. Auf der Aussenseite werden wir die 25 Gesichter und Namen der inhaftierten Medienschaffenden zeigen. Im Inneren des Zelts bilden wir Elemente nach, die die prekären Bedingungen in der Zelle aufzeigen sollen und lassen Zitate der Inhaftierten vorlesen.
Sevinj Vagifgizi ist von allen inhaftierten Medienschaffenden die wohl bekannteste und stellt für RSF auch einen der prioritären Fälle von global inhaftierten Medienschaffenden dar. Sie ist Chefredaktorin des unabhängigen investigativen Mediums Abzas Media, das vor allem über Korruption in der politischen Elite Aserbaidschans berichtet. Die Redaktion deckte beispielsweise zuletzt mehrere Korruptionsskandale rund um den Wiederaufbau der Region Bergkarabach auf, die Aserbaidschan nach dem Krieg mit Armenien seit 2023 vollständig kontrolliert. Ausserdem enthüllte Abzas Media die intransparente Vergabe von Geldern zugunsten der Präsidentenfamilie sowie von türkischen Handelspartnern.
Vagifgizi war darüber hinaus im Jahr 2021 RSF-Stipendiatin in Berlin. Während ihres damaligen Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt stellte sich heraus, dass sie von den aserbaidschanischen Geheimdiensten mithilfe der Spyware Pegasus abgehört wurde. Am 20. November 2023, vor 800 Tagen, wurde sie in Aserbaidschan schliesslich verhaftet. Gemeinsam mit fünf Redaktionsmitgliedern von Abzas Media wurde sie wegen angeblichen Geld- und Devisenschmuggels angeklagt. In mehreren darauffolgenden Verhaftungswellen wurden darüber hinaus gegen unabhängige Medienschaffende von Toplum TV und Meydan TV fast identische Strafverfahren eröffnet. In einem ungerechten und nicht rechtmässigen Gerichtsprozess wurde Sevinj Vagifgizi unter diesen fingierten Anklagepunkten schliesslich zu neun Jahren Haft verurteilt.
Die freie Presse erstickt
Die Journalistin Elnara Gasimova beschreibt die Verhaftungswelle anhand der grossen Anzahl an Medienschaffenden im Untersuchungsgefängnis in Baku: «Nahezu auf jedem Stockwerk des Gefängnisses, in dem wir festgehalten werden, befinden sich Medienschaffende, die wegen ihrer beruflichen Tätigkeit inhaftiert sind.» Mittels eines 2022 beschlossenen restriktiven Gesetzes werden regimekritische Stimmen zensiert und die Finanzierung von Medien erheblich erschwert. Auch Zugang von internationalen Medien wie BBC Azerbaijan und Radio Free Europe wird unterdrückt oder verboten. Viele Medien wurden darüber hinaus ins Exil gezwungen. Es ist kaum möglich, sich unabhängig in und über Aserbaidschan zu informieren.Aserbaidschan belegt Platz 167 von 180 auf der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von RSF. Die Regierung kontrolliert die gesamte Medienlandschaft und seit 2023 werden die letzten unabhängigen Medien brutal unterdrückt.
Das 4m² grosse Zelt, das die Zelle in Aserbaidschan symbolisiert, kann am Mittwoch, 28. Januar, am Nachmittag zwischen ca. 13 und 16 Uhr auf dem Bärenplatz in der Berner Innenstadt besucht werden.
Diese Medienschaffenden sind aktuell in Aserbaidschan inhaftiert
- Ahmed Mukhtar – Fotojournalist; im Verfahren gegen Meydan TV angeklagt (dort nicht tätig); inhaftiert seit dem 28.08.2025
- Alesker Mammadli – Mitbegründer von Toplum TV; inhaftiert seit dem 8.3.2024
- Elnara Gasimova – Abzas Media; freie Reporterin; inhaftiert seit dem 13.01.2024
- Farid Ismailov – Toplum TV; Redakteur; inhaftiert seit dem 17.01.2025
- Farid Mehralizade – RFE/RL und Abzas Media; Autor und Wirtschaftsanwalt; inhaftiert seit dem 30.05.2024
- Fatima Mövlami – Meydan TV; freie Reporterin; inhaftiert seit dem 28.02.2025
- Hafiz Babali – Abzas Media; Redakteur; inhaftiert seit dem 13.12.2023
- Ilkin Amrakhov – Toplum TV; Redakteur; inhaftiert seit dem 06.03.2024
- Imran Aliyev – Gründer und Chefredakteur von meclis.info; inhaftiert seit dem 18.04.2024
- Mahammad Kekalov – Abzas Media; Übersetzer und Autor; inhaftiert seit dem 20.11.2023
- Mushvig Jabbarov – Toplum TV; Redakteur; inhaftiert seit dem 06.03.2024
- Nargiz Absalamova – Abzas Media; Reporterin; inhaftiert seit dem 30.11.2023
- Natig Javadli – Meydan TV; Redakteur; inhaftiert seit dem 06.12.2024
- Aynur Elgunesh – Meydan TV; Redakteurin; inhaftiert seit dem 06.12.2024
- Aysel Umudova – Meydan TV; Redakteurin und Reporterin; inhaftiert seit dem 06.12.2024
- Hayala Agayeva – Meydan TV; Redakteurin und Reporterin; inhaftiert seit dem 06.12.2024
- Aytaj Tapdyg – Meydan TV; Redakteurin und Reporterin; inhaftiert seit dem 06.12.2024
- Nurlan Gahramanli – Freier Journalist; Autor für Meydan TV; inhaftiert seit dem 20.02.2025
- Polad Aslanov – Xeberman.com, Press-az.com; Chefredakteur; inhaftiert seit dem 14.06.2019
- Ramin Deko – Meydan TV, RFE/RL; Freier Journalist und Redakteur; inhaftiert seit dem 06.12.2024
- Sevinj Vagifgizi – Abzas Media; Chefredakteurin; inhaftiert seit dem 21.11.2023
- Shahnaz Beylargizi – Toplum TV; Redakteurin; Hausarrest seit dem 26.02.2025
- Shamshad Agha – Argument.az; Chefredakteur; inhaftiert seit dem 06.02.2025
- Ulvi Hasanli – Abzas Media; Investigativjournalist und Mediendirektor; inhaftiert seit dem 20.11.2023
- Ulviyya Ali – Voice of America; freie Journalistin, inhaftiert seit dem 07.05.2025