Angesichts der Kriminalisierung des Journalismus, insbesondere in Russland, Afghanistan und Iran, sowie der Eskalation von Gewalt und bewaffneten Konflikten in Gaza, im Sudan und in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) engagiert sich Reporter ohne Grenzen (RSF) sehr stark für die Bedürfnisse unterdrückte Journalistinnen und Journalisten weltweit. 2025 haben wir über unseren Assistance-Desk 749 bedrohte Medienschaffende in 76 Ländern unterstützt. über drei Viertel davon konnten notfallmässig evakuiert oder umgesiedelt werden. Angesichts dessen warnt RSF vor der Dringlichkeit von effektiven Massnahmen zum Schutz von Medienschaffenden weltweit. Insbesondere wichtig wären schnelle und wirksame Mechanismen zur Erteilung von humanitären Visa für Fälle, in denen eine dringende Sicherheitsmassnahme erforderlich ist.
«RSF setzt sich über unseren Assistance-Desk für den Schutz derjenigen ein, die unter Gefahr für ihre Freiheit, ihre Sicherheit und manchmal sogar für ihr Leben berichten. Angesichts der zunehmenden Krisen ist diese lebenswichtige Hilfe unverzichtbar, um das Recht der Öffentlichkeit auf freie, unabhängige und zuverlässige Informationen zu gewährleisten. Wir fordern Schutzmassnahmen, die diesen Herausforderungen gerecht werden – insbesondere die Einrichtung schneller und wirksamer Mechanismen für humanitäre Visa für bedrohte Journalist:innen.»
Victoria Lavenue
Leiterin des Assistance-Desk von RSF
- Fast 750 Medienschaffenden erhielten 2025 Nothilfe von RSF – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr, mit einem Gesamtbudget von umgerechnet 690’000 Franken.
- 76 % der unterstützten Medienschaffenden beantragten bei der Organisation eine notfallmässige Umsiedlung oder Evakuierung. Auch dieser Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Einige konnten in ihrem eigenen Land in Sicherheit gebracht werden, wie etwa kongolesische Medienschaffende während des Wiederaufflammens des bewaffneten Konflikts im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Andere waren hingegen gezwungen, ihr Land zu verlassen, wie beispielsweise afghanische, sudanesische oder russische Journalistinnen und Journalisten.
- Unter den unterstützten Medienschaffenden sind 31 % Frauen. Dies verdeutlicht die starken Auswirkungen der Repressionen auf Journalistinnen: Sie sind insbesondere Opfer gezielter Gewalt oder, im Falle Afghanistans, Opfer strenger Einschränkungen durch das Taliban-Regime. In Indien hingegen sind sie stark von Diskreditierungskampagnen im Netz betroffen.
In den folgenden fünf Ländern unterstützte RSF 2025 am meisten Medienschaffende:
Afghanistan: RSF hat 156 Journalistinnen und Journalisten begleitet, die Opfer der immer intensiveren Repressionen der Taliban sind, was zu einem kontinuierlichen Strom von bedrohten Journalistinnen und Journalisten nach Pakistan führte. Pakistan weigert sich nun aber, ihre Visa zu verlängern und schickt die betroffenen Medienschaffenden trotz der Risiken und der Warnungen von RSF nach Afghanistan zurück.
Demokratische Republik Kongo (DRK): RSF unterstützte 81 Medienschaffende im Zusammenhang mit der drastischen Verschlechterung der Pressefreiheit in der Region Kivu im Osten des Landes. Angesichts der eskalierenden Gewalt gegen Medienschaffende in der Provinz im Osten des Landes wurde RSF hauptsächlich um die dringende Umsiedlung oder Evakuierung bedrohter Medienschaffender gebeten.
Russland: RSF unterstützte 53 Medienschaffende bei ihren Umsiedlungsbemühungen in und aus Russland. Viele von ihnen wurden zu «ausländischen Agenten» erklärt und mussten das Land verlassen, um einer Inhaftierung zu entgehen. Dies, nachdem sie sich der Zensur durch die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor widersetzt hatten.
Aserbaidschan: RSF unterstützte 2025 38 Journalistinnen und Journalisten in Aserbaidschan. Die 2023 begonnene Welle der Repressionen trifft die unabhängige Presse weiterhin hart. Medienschaffende leben in ständiger Angst vor Inhaftierung, derzeit befinden sich 25 Medienschaffende in Haft. Der Assistance-Desk von RSF übernahm einen Teil der Gerichtskosten von Journalistinnen und Journaliste, die Opfer missbräuchlicher Verfahren wurden.
Sudan: Angesichts der verschärften Bedrohung sudanesischer Medienschaffender unterstützte RSF 36 von ihnen dabei, sich innerhalb des Landes oder in Nachbarländern in Sicherheit zu bringen.
Über 55 % der Mittel flossen an Medienschaffende im Exil
Im Jahr 2025 waren 55 % der von RSF unterstützten Medienschaffenden im Exil, sprich in einem anderen Land als ihrem Heimatland in Sicherheit. Die wichtigsten Herkunftsländer der von RSF im Jahr 2025 unterstützten Medienschaffenden im Exil waren Afghanistan, Russland, Sudan, Myanmar, Iran, Aserbaidschan und die Demokratische Republik Kongo.
Die Junta in Myanmar zwang mit ihren erneuten Ankündigungen von Haftstrafen viele Medienschaffende zur Flucht und zur Umsiedlung in Nachbarländer. Myanmar ist aktuell das weltweit drittgrösste Gefängnis für Medienschaffende.
Auch im Iran werden Journalistinnen und Journalisten regelmässig verhaftet. Selbst diejenigen, die ins Exil gezwungen wurden, entkommen der Unterdrückung durch das Regime nicht – sei dies durch Online-Schikanen, transnationalen Druck oder Morddrohungen. RSF unterstützt sie mittels Hilfe bei der Beantragung von Visa für Länder, in denen sie sich in Sicherheit begeben können. Ausserdem gewährt ihnen RSF finanzielle Hilfe für ihre Umsiedlung. Humanitäre Visa sind jedoch immer schwieriger zu bekommen, weshalb heute heute etwa zwanzig iranische Medienschaffende, die vom Hilfsbüro betreut werden, in Ländern festsitzen, in denen ihre Sicherheit nicht gewährleistet ist. Sie sind auch dort entsprechend weiterhin Angriffen des iranischen Staates ausgesetzt.
In Aserbaidschan zwingt das permanente Risiko, inhaftiert zu werden, viele Medienschaffende dazu, das Land zu verlassen. Nur so können sich diese weiterhin frei äussern.
RSF, das sich seit Beginn des Krieges für die Medienschaffende in Gaza einsetzt, plädiert des weiteren weiterhin für die Öffnung der belagerten Enklave, und dafür, dass auch internationale Medien den Gazastreifen betreten können. Ausserdem setzt sich RSF für die Evakuierung palästinensischer Medienschaffenden ein, sofern diese dies wünschen. Angesichts der Nicht-Erteilung von Visa durch Drittländer und der anhaltenden Blockade durch Israel muss RSF seine Unterstützung über lokale Partner fortsetzen.
Unterstützung unabhängiger Medien
Parallel dazu hat RSF 50 Notfall-Stipendien in Höhe von umgerechnet 360’000 Franken an Medien in 21 verschiedenen Ländern vergeben.
Die begünstigten Medien haben ihren Sitz hauptsächlich in Brasilien, Russland, Belarus, China, El Salvador und der Ukraine. Mit diesen Hilfen wurden unabhängige Medien unterstützt, die mit Zensur, wirtschaftlichem Druck, klimabedingten Katastrophen oder direkten Bedrohungen konfrontiert waren.
Was macht der Assistance-Desk von RSF?
Der Assistance-Desk von RSF, der von Paris aus mit Unterstützung der Regionalbüros, eines Teams in Berlin sowie Partnerorganisationen koordiniert wird, ergreift konkrete Massnahmen, um Medienschaffende und Medien in Notlagen weltweit zu unterstützen. Diese Unterstützung erfolgt hauptsächlich in Form von finanzieller und administrativer Hilfe. Die Ermittlung der Bedürfnisse und die Überprüfung der Informationen erfolgen in Zusammenarbeit mit den RSF-Teams in Berlin, Dakar, Rio de Janeiro, Taipeh und Tunis. Das Ziel des Assistance-Desks ist es, Journalistinnen und Journalisten aller Nationalitäten, die aufgrund ihrer Arbeit ernsthaften und unmittelbaren Bedrohungen ausgesetzt sind, sofortige und direkte Hilfe zu leisten. Die den Medienschaffenden angebotene Soforthilfe erfolgt in Form von Stipendien in Höhe von umgerechnet ca. 500 bis 2’500 Franken. Diese Stipendien dienen dazu, Umsiedlungen, Anwalts- oder Arztkosten, psychologische Betreuung oder den Ersatz von zerstörter oder beschlagnahmter Ausrüstung zu finanzieren. Die Unterstützung kann auch administrativer Art sein, beispielsweise durch Begleitung bei Visum- oder Asylantragsverfahren.
Die vom Assistance-Desk angebotene Unterstützung richtet sich nicht nur an verfolgte Medienschaffende, sondern auch an Medien, die mit Sicherheits- oder Finanzkrisen konfrontiert sind. Die Teams können etwa von Inhaftierung, körperlicher Gewalt, gerichtlicher Schikane, Cyberangriffen oder politischem oder wirtschaftlichem Druck bedroht sein. RSF ergreift dann jeweils Sofortmassnahmen, um die gefährdeten Medien zu unterstützen. Diese reichen vom Ersatz von zerstörter oder beschlagnahmter Ausrüstung, über den Schutz der Redaktionsräume, die Finanzierung der Gehälter bis hin zu Betriebskosten der Medien. Diese schnelle und gezielte Reaktion ermöglicht es teils akut gefährdeten Redaktionen, die Bevölkerung in destabilisierten Regionen weiterhin zu informieren.