Anlässlich des World Radio Day am 13. Februar warnt Reporter ohne Grenzen vor der zunehmenden Bedrohung der Rundfunkmedien weltweit. Angegriffen in Konfliktgebieten, mundtot gemacht durch autoritäre Regime, geschwächt durch politische und wirtschaftliche Entscheidungen, sind Radiosender – oft das letzte zugängliche Medium, wenn alles andere bereits zusammengebrochen ist – heute in Gefahr. Von der Sahelzone bis zum Amazonasgebiet, von den Philippinen bis zu den USA erinnert RSF daran, wie dringend es ist, diese für die Informationsvermittlung unverzichtbaren Stimmen zu schützen.
«Als mündliches Medium par excellence ist das Radio oft das einzige Medium, das auch in Gebieten verfügbar ist, die für Medienschaffende sonst schwer zugänglich sind und in denen es keine anderen Redaktionen gibt. Wenn das Internet abgeschaltet wird, können Radiojournalistinnen und -journalisten weiterhin über den Äther informieren. Das Radio ist widerstandsfähig, zugänglich und tief im Leben vieler Menschen verwurzelt. Es bleibt damit eine der wenigen Technologien, die anderen überdauer können. Das Radio ist ein wesentlicher Faktor für den sozialen Zusammenhalt und eine Säule des globalen Netzwerks für den Zugang zu verlässlichen Informationen. Doch genau aus diesen Gründen sind das Radio sowie die Radiojournalistinnen und -journalisten heute vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt: willkürliche Schliessungen, Einschüchterungen, Plünderungen, Übergriffe, Gewalt… Im Anschluss an seinen Appell zugunsten der Community-Radiosender in der Sahelzone und die Produktion einer ihnen gewidmeten Dokumentation macht RSF nun auf die Dringlichkeit aufmerksam, auf internationaler und lokaler Ebene ein Bewusstsein zu schaffen, um einen wirksamen Schutz dieser lokalen Medien zu gewährleisten. Sie sind ein wirksames Bollwerk gegen Desinformation sowie wichtige Akteure für den sozialen Zusammenhalt.»
Anne Bocandé
Redaktionsleiterin von RSF
Anlässlich des World Radio Days am 13. Februar macht RSF auf die Gefahren aufmerksam, denen Rundfunkmedien weltweit ausgesetzt sind, und verweist dabei auf einige stellvertretende Fälle von An- und Übergriffen, die in den letzten Jahren international an Radiostationen verübt wurden.
Philippinen: 90 Radiojournalisten in 40 Jahren getötet, darunter Erwin Segovia im Juli 2025
Die Philippinen bleiben eines der gefährlichsten Länder der Welt für Radiojournalistinnen und -journalisten. Dabei wäre dieses Medium ein unverzichtbarer Informationskanal für die über den Archipel verstreute Bevölkerung, die teilweise in sehr abgelegenen Gebieten lebt. Von den 148 Journalistinnen und Journalisten, die seit 1986 im Land bei der Ausübung ihrer Tätigkeit getötet wurden, arbeiteten 90 für eine Radiostation. Dies zeugt von systematischer Gewalt gegen Fachleute dieses Mediums im gesamten Staatsgebiet. Zu den jüngsten Opfern zählt Erwin «Boy Pana» Segovia, Moderator bei Radio WOW FM und Direktor des Senders Radyo Gugma, der am 21. Juli 2025 von unbekannten Angreifern mit einem Kopfschuss getötet wurde. Das Motiv für den Mord ist noch nicht geklärt, doch Erwin Segovia hatte kurz vor dem Angriff gerade seine Sendung beendet und war auf dem Weg nach Hause, als zwei Personen auf einem Motorrad ihm folgten und in der Stadt Bislig an der Ostküste der Insel Mindanao auf ihn schossen. Segovia war ein Journalist, der für seine pointierten Kommentare zu politischen und sozialen Themen in seiner Sendung «Diritsahan!» bekannt war..
DR Kongo: Community-Radiosender im Visier
Die Community-Radiostationen sind im Herzen des Konfliktgebiets angesiedelt, oft in ländlichen oder abgelegenen Gebieten von Nord-Kivu, Süd-Kivu und Ituri im Osten der DR Kongo. Dort ist der Staat kaum präsent, dafür sind dort zahlreiche bewaffnete Gruppierungen aktiv. Community-Radios werden daher zu direkten Angriffszielen, die zwischen den Streitkräften der DR Kongo (FARDC) und der Koalition der bewaffneten Rebellen Alliance Fleuve Congo (AFC)/Mouvement du 23 mars (M23) in die Zange genommen werden. Zwischen Januar 2024 und Januar 2025 wurden mehr als 25 Community-Radiosender geplündert, gestürmt oder zur Schliessung gezwungen. Zudem wurden wurden mehr als 50 Angriffe auf Redaktionen und Medienschaffende registriert. Zwei Journalisten wurden darüber hinaus 2024 unter noch ungeklärten Umständen getötet. Die Leiche des Moderators des Community-Senders Mpety, Yoshua Kambere Machozi, wurde im November tot aufgefunden, nachdem er von Rebellen der M23 entführt worden war. Und der Verantwortliche des katholischen Radiosenders Maria, Edmond Bahati Monja, wurde am 27. September in Goma erschossen, als er auf dem Weg nach Hause war.
Sahelzone: Auch hier stehen Community-Radios an vorderster Front
In der Sahelzone, von Mali bis zum Tschad, betrifft die Verschlechterung der Sicherheitslage auch Journalistinnen und Journalisten sowie Moderierende von Community-Radios schwer, die insbesondere mit Entführungen durch bewaffnete Gruppen, Angriffen oder sogar der Zerstörung ihrer Räumlichkeiten konfrontiert sind. In Mali wurde am 7. November 2023 der 28-jährige Abdoul Aziz Djibrilla, Journalist beim Community-Radiosender Naata im Dorf Labbezanga nahe der Grenze zwischen Mali und Niger bei einem Angriff auf das Fahrzeug getötet. Es hätte ihn nach Gao zu einem Journalisten-Workshop bringen sollen. Zwei weitere Journalisten, Saleck Ag Jiddou, genannt Zeidane, Direktor von Radio Coton Ansongo, und der Moderator Moustapha Koné, wurden beim selben Angriff entführt und gelten seitdem vermisst. Die Dokumentation von RSFCommunity-Radios: Ihr Kampf um Information in der Sahelzone beleuchtet die entscheidende Rolle dieser Medien und die zunehmenden Bedrohungen, denen sie vor Ort ausgesetzt sind.
Afghanistan: Zensierte Radiosender, verbotene Frauenstimmen
In der afghanischen Provinz Khost wurden lokale Radiosender aufgrund von «moralischen» Kriterien, die von den Taliban auferlegt wurden, zensiert. Drei Sender wurden 2024 vorübergehend verboten. Ihre Rückkehr auf Sendung war anschliessend an freiheitsfeindliche Regeln geknüpft: keine Musik mehr und keine Anrufe von Hörerinnen und Hörern mehr. In der Provinz Helmand im Süden des Landes sind Frauenstimmen im Radio mittlerweile völlig verboten, egal ob als Moderatorinnen oder Hörerinnen. Der symbolträchtige Radiosender für afghanische Frauen, Radio Begum, wurde am 4. Februar 2025 vom Taliban-Ministerium für Information und Kultur suspendiert, bevor er 18 Tage später die Erlaubnis erhielt, seinen Sendebetrieb wieder aufzunehmen. Dem Sender wurden aber «mehrere Verstösse» vorgeworfen, darunter die Bereitstellung von Inhalten für einen im Ausland ansässigen Fernsehsender. Nach Verbüssung einer sechsmonatigen Haftstrafe wurden im Juli 2025 schliesslich zwei seiner Journalistinnen wieder freigelassen.
USA: Nationale und internationale öffentlich-rechtliche Radiosender im Visier der Trump-Regierung
Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit als Präsident der USA führt Donald Trump einen unerbittlichen Krieg gegen den Journalismus, auch die öffentlich-rechtlichen Radiosender nicht entgehen konnten. Im Mai 2025 unterzeichnete Trump ein Dekret, das die Beendigung der Finanzierung der beiden wichtigsten öffentlichen audiovisuellen Medien der USA – des Fernsehsenders Public Broadcasting Service (PBS) und des Radiosenders National Public Radio(NPR) – durch die Corporation for Public Broadcasting («Öffentliche Rundfunkgesellschaft» oder CPB) anordnete. Im Januar 2026 kündigte die CPB, die ein Netzwerk von 1’216 lokalen öffentlichen Radiosendern unterstützte, welche oft in ländlichen Gebieten eine wichtige Informationsquelle darstellen, aufgrund dieser Budgetkürzungen deren Schliessung an. Auch wenn die meisten lokalen Sender von NPR und PBS dank Spenden und Subventionen vorerst weiterhin betrieben werden können, droht die Gefahr eines massiven Schwunds von Radiosendern. Was die internationalen öffentlich-rechtlichen Radiosender betrifft, so hat die Trump-Regierung mehrfach versucht, das Weiterbestehen der United States Agendy for Global Media (USAGM) in Frage zu stellen. Diese verwaltet die öffentliche Finanzierung des amerikanischen Auslandsrundfunks, darunter Voice of America (VOA), Radio Free Europe/Radio Liberty(RFE/RL) und Radio Free Asia (RFA). Diese Rundfunkanstalten sind bzw. waren eine mittlerweile rare Quelle für zuverlässige Informationen in Regionen, in denen Journalismus seit Jahren schon breitflächig kriminalisiert wird – etwa in Belarus, Nordkorea, Russland oder China. Das Verschwinden vieler dieser Sender hat den Zugang zu zuverlässigen und vielfältigen Informationen erheblich beeinträchtigt, insbesondere in Regionen, in denen diese Informationen Leben retten können.
Brasilien: Wirtschaftliche und logistische Hindernisse für Radiosender im Amazonasgebiet
Die Produktion von Informationssendungen aus und über das brasilianische Amazonasgebiet – ein Gebiet, das sich über neun Bundesstaaten erstreckt und vielerorts unter eingeschränktem Zugang und begrenzter Konnektivität leidet – ist eine tägliche Herausforderung: Mangelnde öffentliche Unterstützung, begrenzte Infrastruktur und grosse Entfernungen machen die Berichterstattung vor Ort äusserst kostspielig. Dennoch sind laut InfoAmazonia, einer lokalen Organisation für digitale Medien, 49 Radiosender in 38 Gemeinden tätig. Diese Radiostationen behandeln Themen wie Waldrodungen, Klimawandel, Landkonflikte sowie die Rechte indigener Gruppen und traditioneller Gemeinschaften. Die Berichterstattung über diese Themen setzt sie aber politischem und wirtschaftlichem Druck aus – insbesondere von Seiten der Agrarindustrie und lokaler Interessengruppen. Dieser Druck gefährdet die redaktionelle Unabhängigkeit und die Sicherheit von Medienschaffenden, die über sensible Themen, insbesondere Umweltfragen, recherchieren.
Europa: Bedrohungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Obwohl der European Media Freedom Act (EMFA) die Mitgliedstaaten der EU verpflichtet, die Unabhängigkeit, den Pluralismus und die wirtschaftliche Lebensfähigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien zu gewährleisten, sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Europa anhaltenden Bedrohungen ausgesetzt.
Ihre Finanzierung wird regelmässig in Frage gestellt, ihre Rolle durch die Konkurrenz digitaler Plattformen geschwächt und ihre redaktionelle Unabhängigkeit vielerorts durch politische Einmischungen beeinträchtigt. In Litauen setzt die regierende Mehrheit aktuell ihr Vorhaben fort, ein Sondergesetz zu verabschieden, das den öffentlich-rechtlichen Rundfunk LRT politischem Druck aussetzen würde, nachdem sie dessen Finanzierung eingefroren hat. Die tschechischen öffentlich-rechtlichen Medien, darunter der Rundfunk, der 1923 als erster auf dem europäischen Kontinent sendete, sind mit der Abschaffung der Rundfunkgebühr konfrontiert, die ihre Unabhängigkeit garantiert.
Schweiz: Drohende Einschränkungen durch Volksinitiative am 8. März
Wie in Tschechien droht auch in der Schweiz dem Gebührenmodell für den öffentlichen Rundfunk, darunter die Radiostationen in vier Sprachen, eine drastische Einschränkung, sollte die Volksinitiative «200 Franken sind genug!» angenommen werden. Es handelt sich dabei bereits um den zweiten Frontalangriff auf den medialen Service Public nach der «No Billag»-Initiative, die 2018 die totale Abschaffung der Gebühr forderte, damals allerdings klar abgelehnt wurde. Eine Annahme der Initative hätte jedenfalls weitreichende Folgen für die Radio-, TV- und Online-Berichterstattung der SRG und würde ein fatales Signal über den Rest des Kontinents aussenden.
Im Fürstentum Liechtenstein verdeutlichte die Schliessung des einzigen öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens im April 2025 einen extremen Fall von Schwächung.
Ukraine: Weiterhin Information der besetzten Gebiete über das Radio trotz Angriffen
Bombardierte Radio- und Fernsehtürme, unter der Besatzung requirierte Studios: Der Kreml greift die ukrainische Medieninfrastruktur seit dem 24. Februar 2024 systematisch an. Seit 2022 wurden von RSF nicht weniger als 25 russische Angriffe auf Fernseh- und Funktürme registriert. Dennoch setzen lokale ukrainische Radiosender ihre Arbeit bis zu einigen Dutzend Kilometern vor der Frontlinie fort. Im Donbass im Osten, in Städten wie Charkiw im Nordosten oder Saporischschja im Süden gelingt es ihnen noch immer teilweise, sogar in den von Russland besetzten Gebieten zu senden, obwohl die russischen Streitkräfte ihre Signale stören, blockieren und ihre Ausrüstung beschlagnahmen.
Lesen Sie unseren Bericht «Hinter den Kulissen einer Redaktion. Von der Front bis in die besetzten Gebiete senden ukrainische Radiosender um jeden Preis unabhängige Informationen»
Sudan: Rundfunk unter Beschuss
Im Sudan, der seit fast drei Jahren vom nur wenig beachteten Krieg zerrissen ist, steht der Rundfunk an vorderster Front der Medien, die die Kriegsparteien mit aller Macht zu unterdrücken versuchen. Nach übereinstimmenden Angaben mehrerer Quellen senden von den 22 lokalen Radiosendern, die vor dem Konflikt aktiv waren, nur noch zwei. Diese wurden jedoch unter die Kontrolle der Kriegsparteien gestellt. Weitere sudanesische Radiosender setzen ihre Arbeit fort oder werden im Exil neu gegründet, wie beispielsweise Radio Dabanga. Sie trotzen der Zensur und den Versuchen, den Satellitenempfang zu blockieren, während die Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort willkürliche Verhaftungen und körperliche Gewalt riskieren. Dies, damit sie lebenswichtigen Informationen für Millionen von Menschen im Sudan liefern können, die in der Falle sitzen.