Reporter ohne Grenzen (RSF) verurteilt die Ermordung des kolumbianischen Journalisten Cristian Hernando Herrera Nariño, der am Samstag, dem 6. Juni, in Cúcuta an der Grenze zu Venezuela erschossen wurde. Der ehemalige Gerichtsreporter der Medien La Opinión und Q’hubo Cúcuta hatte bis zu seinem Tod die digitalen Medien Cúcuta Real und Cúcuta al Rojo Vivo geleitet. Als Korrespondent der Fundación para la Libertad de Prensa – FLIP (Stiftung für Pressefreiheit) berichtete er über organisierte Kriminalität, Drogenhandel, Schmuggel, Korruption und bewaffnete Gewalt in einer der gefährlichsten Regionen des Landes und war wiederholt bedroht worden. RSF fordert die Behörden nun auf, bei den Ermittlungen seine journalistische Arbeit sowie die Umstände seines staatlichen Schutzes zu berücksichtigen. Er ist bereits der zweite Journalist, der seit Jahresbeginn im Land getötet wurde.
«RSF spricht den Angehörigen von Cristian Herrera sein tiefes Beileid aus. Der renommierte Journalist stand eigentlich unter staatlichem Schutz. Seine Ermordung muss im Zusammenhang mit den wiederholten Drohungen gegen ihn untersucht werden, ebenso mit seinem zweimaligen Exils sowie einem Attentatsversuch, dem er entkommen war. RSF fordert eine rasche und unabhängige Untersuchung, die Identifizierung und strafrechtliche Verfolgung der Täter und Auftraggeber sowie eine Überprüfung der Angemessenheit der ihm gewährten Schutzmassnahmen. Ausserdem sind Sicherheitsgarantien für bedrohte Journalistinnen und Journalisten im Departamento Norte de Santander, insbesondere für Cristian Herreras enge Kolleginnen und Kollegen nötig. Diese sind ebenfalls Bedrohungen ausgesetzt. Cristian Herrera ist bereits der zweite Journalist, der 2026 in Kolumbien ermordet wurde, und bereits der neunte seit Beginn der Amtszeit von Präsident Gustavo Petro im Jahr 2022.»
Artur Romeu
Direktor des Lateinamerika-Büros von RSF
50-jährig und Vater von zwei Kindern, stand Cristian Herrera seit 2014 unter dem staatlichen Schutzprogramm Kolumbiens. Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg hatte er Drohungen im Zusammenhang mit seiner Arbeit gemeldet sowie gar ein Attentat im Jahr 2017 überlebt. Zudem musste Herrera das das Land zweimal verlassen: zunächst nach Chile und später nach Spanien, wo er gemeinsam mit seiner Familie im Rahmen eines temporären Relokalisierungsprogramms von RSF für bedrohte Journalistinnen und Journalisten lebte.
Der Journalist und ehemalige Gerichtsreporter für La Opinión und Q’hubo Cúcuta leitete die Online-Medien Cúcuta Real und Cúcuta al Rojo Vivo. Zudem arbeitete er mit Noticias Cúcuta 75 zusammen und war Korrespondent sowie Vorstandsmitglied der FLIP, einem Partner von RSF in der Region.
Er wurde am Samstag, dem 6. Juni, in Cúcuta getötet, als er sich mit seiner Familie aufhielt. «Sie haben ihn vor unseren Augen getötet», sagte seine Ehefrau Karla Gabriela Niño Claro. Ihrer Aussage zufolge soll sich der Angreifer nach den Schüssen auf Herrera kurz entfernt und sie angesehen haben, während sie ihre Tochter aufforderte, zurückzuweichen. Dies aus Angst, er könnte auch auf sie schiessen. Laut der Nationalen Schutzbehörde (Unidad Nacional de Protección – UNP), die sich auf der Plattform X äusserte, befand sich der Journalist zum Zeitpunkt des Angriffs in einem von der Institution bereitgestellten Fahrzeug. Die UNP erklärte zudem, dass das Fehlen von Begleitschutz zu diesem Zeitpunkt auf «einem ausdrücklichen und freiwilligen Wunsch des Journalisten» beruht habe. Zum Tötungsdelikt wurde eine Untersuchung eingeleitet. Das Büro der Ombudsperson forderte die Staatsanwaltschaft auf, die journalistischen Themen, über die Cristian Herrera berichtet hatte, die Risiken, denen er ausgesetzt war, sowie den Kontext der Gewalt in den Regionen Norte de Santander und Catatumbo zu untersuchen.
Karla Gabriela Niño Claro beschreibt ihren Ehemann als «passionierten» Journalisten, der sich stets der Information und der Wahrhaftigkeit verpflichtet fühlte, selbst unter den schwierigsten Bedingungen. «Um seiner Liebe zur Pressefreiheit, seiner Arbeit und seinem Engagement gerecht zu werden, bitte ich darum, dass sein Fall weiterverfolgt wird und dass Cristian in Kolumbien nicht einfach zu einem weiteren Fall wird», erklärte sie.
«Cristian war eines der grössten Vorbilder für die Liebe zum Journalismus in Norte de Santander», berichtet José Ignacio Arango, Gründer von Noticias Cúcuta 75 und Kollege von Cristian Herrera, der selbst unter staatlichem Schutz steht und bedroht ist. «Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung kannte er die Risiken, die die Arbeit in einer Region wie dieser beinhaltete. Aber das hat ihn nie aufgehalten. «El Gordo», wie ihn seine Freunde liebevoll nannten, hinterlässt ein Vermächtnis für Journalistinnen und Journalisten und wird immer einen wichtigen Teil der Pressegeschichte unserer Stadt darstellen.»
Neun Journalistinnen und Journalisten wurden seit 2022 in Kolumbien getötet
Cúcuta ist das wichtigste urbane Zentrum des Departament Norte de Santander, zu dem auch die Region Catatumbo gehört. Diese Region ist durch die Präsenz bewaffneter Gruppen, Drogenhandel, Schmuggel, illegale Grenzübertritte und Auseinandersetzungen um die territoriale Kontrolle geprägt. Im Juli 2024 teilte die Polizei von Cúcuta mit, dass von 25 ins Visier genommenen kriminellen Banden im Rahmen von Operationen noch 17 in der Stadt aktiv seien. Die Ermordung von Cristian Herrera erfolgt einen Monat nach derjenigen des Journalisten Mateo Pérez Rueda, Direktor des digitalen Mediums El Confidente, in Antioquia. Cristian Herrera ist damit bereits der zweite Journalist, der 2026 in Kolumbien ermordet wurde, und der neunte seit Beginn der Regierung von Präsident Gustavo Petro im August 2022.