Am Weltflüchtlingstag am 20. Juni veröffentlichte Reporter ohne Grenzen (RSF) eine Karte des Exils von Journalistinnen und Journalisten. Darin enthalten sind die seit 2021 von RSF im Exil unterstützten Medienschaffenden. Dabei zeigt sich: In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl Länder, aus denen Medienschaffende fliehen mussten, verdoppelt. Mehr als 1’400 Journalistinnen und Journalisten aus mindestens 65 Ländern wollen heute auch im Exil ihrer Arbeit als Journalist oder Journalistin nachgehen. Doch ihre Tätigkeit ist teils mit grossen Gefahren sowie mit restriktiven Aufnahme- und Einwanderungspraktikten verbunden.
«Die Routen des Exils der von RSF unterstützten Medienschaffenden zeichnen jedes Jahr eine globale Kartografie der Repression. Anlässlich des Weltflüchtlingstags zieht RSF eine ernüchternde Bilanz, die die Erkenntnisse der Rangliste der Pressefreiheit von 2026 widerspiegelt: In den letzten fünf Jahren wurden 1’468 Reporterinnen und Reporter aus mehr als 60 Ländern von RSF unterstützt, weil sie vor Drohungen, Haft oder gar dem Tod fliehen mussten. Und mit der Flucht endet das Leid der Medienschaffenden nicht, da Erpressung, Ausweisungen oder administrative Schikanen weiterhin zu ihrem Alltag gehören. Staaten müssen exilierten Journalistinnen und Journalisten einen effektiven Schutz bieten. Sei das durch Garantien, sie nicht wieder zurückzuweisen, durch Notfall-Visa, durch dauerhafte Aufenthaltsgenehmigungen, durch Programme zur Neuansiedlung oder durch Unterstützung bei der Wiederaufnahme ihrer Arbeit. Denn nur so kann das Recht auf verlässliche Informationen auch im Exil verteidigt werden.»
Vianney Loriquet
Datenjournalist und Verantwortlicher der Rangliste der Pressefreiheit bei RSF
Zwischen 2021 und 2025 hat der Weg ins Exil ganze Teile des unabhängigen Journalismus in vielen Ländern getroffen: 677 Medienschaffende flohen aus Afghanistan, 160 aus Russland, 101 aus Myanmar, und hunderte weitere aus sechzig anderen Ländern.
Einige davon gelangten über Umwege in die Schweiz. Entsprechend hat die Schweizer Sektion von RSF in den vergangenen Jahren ebenfalls einige Medienschaffenden im Exil unterstützt, die aus ihrer Heimat aufgrund von Verfolgung oder Gefahr des eigenen Lebens fliehen mussten. Die Unterstützung für sie ist möglich dank des eigens dafür eingerichteten Unterstützungs- und Solidaritätsfonds. In den letzten Jahren konnte RSF Schweiz dadurch mehrere Medienschaffende unterstützen, unter anderem aus den kurdischen Regionen der Türkei, aus Belarus oder aus Syrien.
Das Phänomen des Journalismus im Exil weitet sich dabei weltweit aus und ist nicht regional beschränkt. Innerhalb von nur fünf Jahren hat sich die Zahl der betroffenen Länder verdoppelt – von 19 im Jahr 2021 auf 40 im Jahr 2025. Im selben Zeitraum blieb die Zahl der ins Exil gezwungenen Medienschaffenden, welche Unterstützung von RSF erhalten haben, auf einem hohen Niveau: 235 im Jahr 2021 und 243 im Jahr 2025.
Die Verschlechterung der Sicherheitslage in vielen Ländern der Welt sowie die damit einhergehenden politischen Krisen sind mithin ein Grund für die Zunahme der Länder, aus denen Medienschaffende ins Exil fliehen mussten.
Subsahara-Afrika: Verschlechterung der Sicherheitslage in der Sahelzone und in der Region der Grossen Seen
Die Wiederaufnahme der Kämpfe im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK) hat in jüngster Zeit mehr Menschen, auch Medienschaffende, zur Flucht gezwungen. Im Jahr 2025 flohen 21 Journalistinnen und Journalisten dank Unterstützung von RSF aus dem Land, die meisten von ihnen nach Burundi und Uganda. Und in der Sahelzone erstreckt sich das Phänomen inzwischen auf eine wachsende Liste von Ländern: Etwa auf Mali, Tschad, Guinea oder Burkina Faso bis in den Senegal.
Lateinamerika: Klima politischer und krimineller Gewalt
In Latein- und Südamerika ist eine besorgniserregende Dynamik zu beobachten: Instabile Institutionen, autoritäre Regime wie in El Salvador oder Venezuela sowie wachsender Druck der Kartelle auf den unabhängigen Journalismus tragen zu einem Klima politischer und krimineller Gewalt bei. Seit dem 1. Januar 2026 wurden bereits 15 Journalistinnen und Journalisten in Mexiko, Kolumbien und Guatemala getötet. Um ein ähnliches Schicksal zu vermeiden, haben sich in der Region Dutzende Journalistinnen und Journalisten ins Exil begeben. Diese Fälle lassen sich jedoch oft kaum quantifizieren, da RSF in solch instabilen Kontexten nur einen Teil des Phänomens erfassen kann.
Repression, Ausweisungen, Inhaftierungen: die Eskalation des afghanischen Exils
Afghanistan ist seit dem Fall von Kabul am 15. August 2021 zum globalen Epizentrum des Exils von Journalistinnen und Journalisten geworden. Innerhalb von fünf Jahren sind 677 afghanische Journalistinnen und Journalisten mit Unterstützung von RSF aus dem Land geflohen. Das sind fast die Hälfte aller von RSF erfassten Fälle weltweit. Auf über 28 Länder verstreut, verkörpern die afghanischen Medienschaffenden heute eine der grössten Exil-Bewegungen in der jüngeren Geschichte.
Laut den Zahlen des Assistance-Desks von RSF erreichten die Abwanderungs- und Fluchtbewegungen bereits 2022 ihren Höhepunkt. Damals wurden 183 afghanische Journalistinnen und Journalisten ins Exil gezwungen. Die Nachwirkungen davon sind weiterhin spürbar. Im Jahr 2025 mussten erneut 82 Journalistinnen und Journalisten das Land verlassen.
Doch auch in dem Land, in dem sie Zuflucht gefunden haben, sind viele dieser Journalistinnen und Journalisten nicht in Sicherheit. Viele landen im benachbarten Pakistan. Dort wurde 2023 im Kontext der Spannungen zwischen der pakistanischen Regierung und dem Taliban-Regime in Afghanistan afghanische Geflüchtete in grossem Ausmass wieder abgeschoben. Mindestens rund fünfzig Medienschaffende gewaltsam wieder nach Afghanistan zurückgeschickt. Die Aufenthaltsgenehmigungen der afghanischen Exilierten werden kaum noch verlängert, wodurch sie in die Illegalität gedrängt werden.
Ein afghanischer Journalist im pakistanischen Exil in Islamabad berichtete bereits im März 2026 gegenüber RSF: «Nachdem ich einen ganzen Tag in einem pakistanischen Polizeigewahrsam verbracht hatte, wurde ich gezwungen, 115’000 pakistanische Rupien [rund 330 CHF Franken] zu zahlen, um meine Abschiebung zu vermeiden und meine Freilassung zu erwirken. Anfang Februar forderte mich der Vermieter meines Hauses auf, die Wohnung zu verlassen.»
In Afghanistan setzt das Taliban-Regime seine strikte Kontrolle über den öffentlichen Raum derweil fort. Laut Datenvon RSF werden im Land weiterhin fünf Journalistinnen und Journalisten offiziell gefangen gehalten. Für afghanische Medienschaffende wird der Handlungsspielraum von Jahr zu Jahr kleiner: Entweder sie geben ihren Beruf als Journalist oder Journalistin auf, oder sie begeben sich ins Exil, oder sie riskieren eine Inhaftierung.
Myanmar: Die Junta will die Presse zum Schweigen bringen
Auch in Myanmar ist die Lage dramatisch. In vier Jahren wurden mehr als einhundert von RSF unterstützte Journalistinnen und Journalisten gezwungen, das Land zu verlassen. Seit dem Militärputsch im Februar 2021 führt die myanmarische Militärjunta eine unerbittliche Repression gegen die Presse. Sieben Medienschaffende sowie Verteidiger der Pressefreiheit wurden dabei gar getötet. Insgesamt haben rund 300 myanmarische Journalistinnen und Journalisten im benachbarten Thailand Zuflucht gefunden. Die Bedingungen für diese Exilierten sind aber prekär: Die Mehrheit arbeitet für niedrige Löhne, ohne rechtlichen Status und ohne Krankenversicherung.
Als Reaktion darauf hat RSF mehr als 350 myanmarische Journalistinnen und Journalisten unterstützt. Einerseits vor Ort im Land selbst, andererseits im Exil. Letzteres wurde insbesondere möglich durch das Myanmar Press Freedom Project, das 2024 von Thailand aus gestartet wurde.
Russland: Der Kreml verfolgt Medienschaffende über die Landesgrenzen hinaus
Der gross angelegte Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine im Februar 2022 markierte einen tiefgreifenden Bruch. Der Kreml hat in dieser Zeit auch sein Vorgehen gegen die unabhängige Presse im Land stark verschärft. 78 ins Exil geflüchtete Medienschaffende aus Russland erhielten damals Unterstützung von RSF. Im Jahr zuvor, 2021, waren es erst vier gewesen. Seit 2021 hat RSF insgesamt 160 russische Journalistinnen und Journalisten auf ihrem Weg ins Exil unterstützt. Die Gesamtzahl der Medienschaffenden, die das Land verlassen mussten, lag jedoch bereits 2023 laut einem Bericht von The Fix und dem JX Fund – einem von RSF gegründeten Unterstützungsfonds für Exiljournalismus – zehnmal höher.
Der unabhängige Journalismus ist aus Russland mittlerweile fast vollständig verschwunden. Russische Exilmedien werden dadurch zu einem der letzten Kanäle freier Information für die russische Bevölkerung. Laut einem weiteren Bericht vom JX Fund und von The Fix aus dem Jahr 2025 sind aktuell 63 unabhängige russische Medien aus dem Ausland aktiv. Und dies trotz der wirtschaftlich prekären Lage und trotz des anhaltenden Drucks des Kremls. Der Bericht schätzt die Reichweite dieser Medien auf 6 bis 9 % der erwachsenen russischen Bevölkerung, also auf mehrere Millionen Menschen. Russland scheut aber nicht davor zurück, auch diese Medien zum Schweigen zu bringen und verlagert seine Repression inzwischen auch über die eigenen Landesgrenzen hinweg aus. Zwischen Februar 2022 und September 2025 wurden 66 Medienschaffende wegen ihrer Arbeit verhaftet oder in Abwesenheit verurteilt, wie Daten zeigen, die RSF mit denen von Justice for Journalists (JFJ) abgeglichen hat.
Ägypten, Türkei: Aufnahme ohne Schutz der Pressefreiheit
Länder wie Ägypten oder der Türkei nehmen einerseits Medienschaffenden, die vor Konfliktgebieten in der Region fliehen, auf. Gleichzeitig begeben sich aus diesen beiden Ländern verfolgte Medienschaffende aufgrund verschärfter Unterdrückung selbst ins Exil. In Ägypten ist diese Ambivalenz besonders klar: Seit 2021 haben dort mindestens 31 von RSF unterstützte Medienschaffende, vor allem aus dem Sudan sowie aus den palästinensischen Gebieten, Zuflucht gefunden. Einige sudanesische Medien berichten weiterhin aus Ägypten. Insgesamt sollen mehr als 300 Journalistinnen und Journalisten vor dem Krieg im Sudan nach Ägypten geflohen sein.
Diese Medien kämpfen jedoch nach wie vor gegen Zensur seitens der sudanesischen Regierung, die dabei von Akteuren in Ägypten unterstützt wird. Ein Journalist des Senders Sudania 24 berichtete RSF im Jahr 2025: «Das Team unseres Senders, insbesondere der Moderator der Sendung, wurde weiterhin unter Druck gesetzt, eine Stellungnahme der sudanesischen Armee zu veröffentlichen. Weiter sind auch Einschüchterungen, Ausweisungen aus dem Land, ja gar Diffamierungskampagnen oder Morddrohungen an der Tagesordnung.»
Gleichzeitig sind im selben Zeitraum mindestens elf Medienschaffende aus Ägypten geflohen. Unter der Militärdiktatur von Präsident Abdel Fattah al-Sisi bleibt das Land eines der grössten Gefängnisse der Welt für Journalistinnen und Journalisten, trotz vereinzelten Freilassungen wie derjenigen des Bloggers und Journalisten Alaa Abdel Fattah im Jahr 2025. 18 weitere Medienschaffende sind aber nach wie vor in Ägypten inhaftiert – nur, weil sie ihrer Arbeit als Journalist oder Journalistin nachgegangen sind.
Auch in der Türkei zeigt sich eine ähnliche Dynamik. Als regionaler Aufnahmepool für Geflüchtete haben sich dort seit 2021 mindestens 46 exilierte Journalistinnen und Journalisten aus Afghanistan, Palästina oder Syrien niedergelassen. Medienschaffende in der Türkei ist jedoch kaum an eine unabhängie Ausübung des Berufs zu denken. Gemäss den Daten des Assistance-Desks von RSF sind zwischen 2021 und 2025 mindestens zehn Medienschaffende aus der Türkei geflohen. Die reale Zahl liegt allerdings wohl deutlich höher.
«Wenn Medienschaffende gezwungen sind, aus dem eigenen Land zu fliehen, endet ihre Bedrohung durch das Exil nicht. Prekäre Lebensumstände, Isolation sowie transnationale Repression gehen meist mit administrativen und sprachlichen Schwierigkeiten im Aufnahmeland einher. Dennoch liefern diese Medienschaffende weiterhin unverzichtbare Arbeit, oft unter Einsatz ihrer Sicherheit oder ihres Lebens. Ihnen Schutz zu gewähren und die Fortsetzung ihrer journalistischen Tätigkeit zu ermöglichen, ist nicht nur eine humanitäre Verpflichtung. Es ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die Verteidigung des Rechts auf Information und für den Erhalt einer demokratischen Debatte. Die Staaten tragen die Verantwortung, ihnen Aufnahme-, Schutz- und Integrationsbedingungen zu bieten, die dieser Herausforderung angemessen sind.»
Victoria Lavenue
Leiterin des Assistance-Desks von RSF
Exiljournalismus als Bollwerk gegen Desinformation
RSF gibt nun zehn Empfehlungen für Länder heraus, die exilierte Journalistinnen und Journalisten aufnehmen. Diese sind in drei Hauptbereiche unterteilt: rechtlicher Schutz, finanzielle Unterstützung und Kapazitätsaufbau.
RECHTLICHEN SCHUTZ STÄRKEN
1.Langzeitvisa gewähren, um gefährdeten Medienschaffenden sowie ihren Familien einen sofortigen, erneuerbaren Schutz zu bieten.
2.Die Erteilung von Aufenthaltsgenehmigungen und langfristigen Arbeitserlaubnissen erleichtern, damit exilierte Journalistinnen und Journalisten sich besser im Aufnahmeland niederlassen und ihre Tätigkeit dort wieder aufnehmen können. Insbesondere dann, wenn eine baldige Rückkehr in ihr Herkunftsland unwahrscheinlich ist.
3.Warnmechanismen bei der Polizei einrichten, die es bedrohten Journalistinnen und Journalisten ermöglichen, sich im Falle transnationaler Repression zu melden.
4.Eine Gesetzgebung verabschieden, die digitale Plattformen dazu verpflichtet, gegen gezielte Online-Belästigung gegen Medienschaffende vorzugehen, um exilierte Medienschaffende vor transnationaler Repression und Missbrauch zu schützen.
SOUTENIR LA VIABILITÉ FINANCIÈRE
5.Bestehende Programme wie den «Journalism in Exile Fund» finanzieren, um den Übergang von projektbasierten Finanzierungen hin zu einer strukturellen und nachhaltigen Betriebsfinanzierung für Exilmedien zu fördern.
6.Die Registrierung von Exilmedien erleichtern und Steuerbefreiungen sowie öffentliche Subventionen für Exilmedien in ihren ersten Entwicklungsjahren vorsehen.
7.Medienzentren finanzieren und fördern, die Exilmedien Infrastruktur anbieten, beispielsweise Co-Working-Spaces, Produktionsmittel und Mentoring-Programme. So, wie das Programm «Voix en exil» in Frankreich.
RENFORCER LES CAPACITÉS DES MÉDIAS EN EXIL
8.Die Entwicklung und gemeinsame Nutzung von Technologien unterstützen, die Zensurmassnahmen umgehen können, wie etwa das Satellitenpaket Svoboda oder das Projekt Collateral Freedom von RSF. Dadurch kann Exilmedien geholfen werden, die staatliche Zensur in ihren Herkunftsländern zu durchbrechen.
9.Exilmedien dazu ermutigen, sich einem Zertifizierungsprozess ihrer redaktionellen Praktiken zu unterziehen – insbesondere durch die Einhaltung internationaler Standards wie der Journalism Trust Initiative –, um sie vor externem Druck zu schützen, der ihre journalistische Integrität gefährden könnte.
10.Weiterbildungsprogramme finanzieren, die es exilierten Medienschaffenden ermöglichen, ihre Kompetenzen in Bereichen wie Cybersicherheit, rechtliche und finanzielle Verwaltung, Open-Source-Recherche, Reichweitenmessung usw. weiterzuentwickeln.