In der diesjährigen Rangliste der Pressefreiheit von RSF belegen die USA – wie bereits 2025 – einen neuen historischen Tiefstand. Auf Platz 64 von 180 erfassten Ländern schafft es die älteste Demokratie der Welt nicht einmal mehr ins vordere Drittel der Rangliste. Was bedeutet das für den Journalismus im Land? Der US-Journalist Gabe Bullard, der seit 2023 in der Schweiz lebt, gibt Einblicke.

Seit Jahren ist in den USA ein Rückgang der Pressefreiheit zu beobachten, nicht erst seit Trump. Wie blicken Sie auf diese Entwicklungen?
Was mir Sorge bereitet, ist dass sich die Medien in den USA zu wenig gemeinsam wehren gegen die Massnahmen und Einschränkungen, die Trump gegen den Journalismus im Land verhängt. Der Zutritt zum Pentagon wurde erschwert, auch weil sich viele Medien – zurecht – den neuen Auflagen widersetzt haben. Zudem wurde der Presse-Pool um Trump massiv verändert. Aber wenn Trump die Medien an einer seiner vielen Pressekonferenzen einmal mehr beleidigt, nehmen das die anwesenden Journalistinnen und Journalisten meist einfach so hin. Sie wehren sich zu wenig und zu wenig kollektiv gegen dieses pressefeindliche Vorgehen. Das beunruhigt mich, selbst als Beobachter aus der Ferne. Dazu kommt die wirtschaftlich sehr schwierige Lage, die dazu führt, dass Medien weniger Mittel zur Verfügung haben und sich schneller einmal gefügig machen bzw. weniger Risiken in ihrer Berichterstattung auf sich nehmen.

Was meinen Sie damit?
Immer mehr Redaktionen gehen den sowieso schon trendigen Geschichten nach, bei denen sie besser abschätzen können, ob und wie stark sie die Leserschaft interessieren. Ausserdem haben sie – in den USA teils noch mehr als in Europa – ihr Geschäftsmodell stark um die digitalen Plattformen herum aufgebaut und achten darauf, ihre Inhalte so zu verbreiten, dass sie von den Algorithmen weiterverbreitet werden. Man könnte fast von einer Kapitulation vor den Sozialen Medien sprechen: Newsrooms produzieren oft kürzere Texte, peppigere Videos, vertikale und mobile-optimierte Inhalte – das alles mit dem Versuch, das eigene Publikum nicht zu verlieren.

Und funktioniert das?
Nicht wirklich. Mobile-optimierte Inhalte und vertikale Videos allein bringen wenig. Vergessen wir nicht, der Druck ist sowieso schon hoch. Die Trump-Regierung gängelt die Presse laufend und die Abneigung gegenüber der Presse ist gross. Das führt in meinen Augen dazu, dass sich noch mehr Menschen von den Nachrichten abwenden. Ausserdem beobachten wir seit Jahren die Tendenz bei vielen Amtsträgern und Politikerinnen, dass sie Fehlverhalten abstreiten oder als Fake News abstempeln. Was früher für einen Skandal oder gar einen Rücktritt gesorgt hätte, wird heute schnell vergessen. Die Medien verlieren so ihre Kontrollfunktion. Ein vertikales, mobile-optimiertes Video allein kann dieses Problem nicht lösen.

Seit 2023 leben Sie in der Schweiz und arbeiten von hier aus als freier Journalist. Davor haben Sie lokale und nationale News für diverse US-Redaktionen gemacht, auch für öffentlich-rechtliche Radio-Stationen. Könnten Sie die Arbeit von damals in den USA heute noch so ausüben?
Ja und nein. Einige Stellen, die ich früher innehatte, existieren heute gar nicht mehr und mussten aufgrund drastischer Budgetkürzungen weggespart werden. Einige der Radiosendungen, für die ich früher arbeitete, haben sich heute hin zu Social Media gewandt, in der Hoffnung, dort ein breiteres Publikum zu erreichen – mit mässigem Erfolg. Gleichzeitig habe ich auch im Lokaljournalismus, etwa in Kentucky, gearbeitet. Dort entstehen neue, aufregende Projekte. Aber natürlich, der Druck ist massiv. Dennoch: Wenn neue Projekte in der US-Medienlandschaft entstehen, dann sehe ich das vor allem auf lokaler Ebene. Dort ist auch die Nachfrage nach News, die die Bevölkerung vor Ort unmittelbar betreffen, gross. Und es geht dabei nicht immer um die neuesten Tweets von Trump und seiner Regierung, sondern um lokal relevante Entwicklungen.

Gerade die lokalen Radiostationen, die öffentlich-rechtlich organisiert sind, stehen in den USA aber unter besonders grossem Druck.
Als ich selbst noch für den öffentlich-rechtlichen Radio arbeitete, bemühten wir sowie andere Sender uns stets darum, das Budget aus Bundesmitteln zu reduzieren und damit die finanzielle Abhängigkeit aus Washington DC zu senken. Bei einigen Radiosendern führte das zum Glück dazu, dass sie nicht ganz so stark von den Kürzungen, die Trump letztes Jahr veranlasste, betroffen waren. Gleichzeitig konnten einige Sender, die eine lokal starke Nachfrage haben, mehr private Spenden verzeichnen. Die Frage ist nur, wie nachhaltig eine solche Finanzierung ist. Die Auswirkungen der aktuellen Entscheidungen werden für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten so oder so noch sehr lange nachhallen.

Was sind unmittelbare Lösungen, die lokale Sender aufgrund dieses wachsenden wirtschaftlichen Drucks ergriffen haben?
Vor allem einige lokale Radiostationen haben sich derart beraten lassen und versuchen nun als Konkurrenz zu den kommerziellen Sendern aufzutreten. Ich halte das für eine schlechte Idee, vor allem läuft das dem Kernauftrag von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten entgegen. Beim Sender in Kentucky, bei dem ich früher arbeitete, haben wir gesehen, dass öffentliche Radiosender wie unserer kein Image von «Eliten»-Medien haben, die an den Bedürfnissen der Leute vorbeireden. Im Gegenteil, die Nachfrage war da, und wir konnten sie als nicht-kommerzieller Sender bedienen.

Das sind ähnliche Diskussionen und Argumente, wie wir sie auch hier in der Schweiz mit Blick auf öffentliche-rechtliche Medien beobachten.
Absolut. In dieser Hinsicht habe ich auch die Halbierungsinitiative am 8. März aufmerksam verfolgt und war hocherfreut über den Ausgang. Die USA und die Schweiz lassen sich natürlich nicht eins zu eins miteinander vergleichen, aber ich würde behaupten, dass eine ähnliche Abstimmung über das Budget öffentlich-rechtlicher Medien in den USA in ähnlicher Weise zugunsten der Medien ausgefallen wäre. Aber das sind natürlich nur Mutmassungen. Was ich abgesehen davon bemerkenswert und geschickt fand, war, wie stark die Gegner der Initiative hierzulande auf US-Reizfiguren wie Elon Musk und Donald Trump Bezug nahmen.

Inwiefern?
Es ist längst bekannt, was Musk mit Twitter gemacht hat. Und wie stark sich bei Trump und Musk Kommunikations- und Medienplattformen mit der Politik vermischt haben. Der Einfluss solcher Leute auf die Medien in den USA ist enorm, und das ist riskant. Insofern war es sehr geschickt, im Vorfeld der Halbierungsinitiative diesen Link herzustellen und davor zu warnen.

Warum sind Sie 2023, noch unter der Biden-Regierung, in die Schweiz ausgewandert?
Es waren vor allem private Gründe. Aber schon in den Jahren zuvor hatte ich mich gefragt, wie gross der Einfluss meiner Arbeit noch war, angesichts des wachsenden Drucks und Stresses. Die Medien deckten Fehlverhalten von wichtigen Personen auf, machten deren Machenschaften öffentlich, doch die behielten alle ihren Job. Vergleichbare Fälle hätten früher noch einen viel grösseren Einfluss gehabt. Insofern war 2023 ein guter Moment, um mich diesbezüglich neu zu orientieren und in die Schweiz zu kommen. Als freier Journalist befasse ich mich noch immer intensiv mit den Medien, auch mit denjenigen in den USA. Aber ich habe nun mehr Möglichkeiten, mir Gedanken darüber zu machen, wie die Medien und die Medienindustrie funktionieren und wie sie nachhaltig bestehen können.

Wie hat sich ihr Blick auf den Journalismus und die Pressefreiheit seitdem verändert?
Ich hielt eine freie Presse sowie lokale und investigative journalistische Arbeit schon immer für essenziell. Wenn ich die heutige Entwicklung im Blick habe, hat sich das nur noch verstärkt. Die grössten Herausforderungen, gerade auch angesichts massiver Budgetkürzungen, liegen im Geschäftsmodell. Medien, in den USA sowie andernorts, müssen ihrem Publikum glaubhaft machen, worin ihre Relevanz liegt – insbesondere, wenn sie von Politikerinnen und Politikern denunziert und von Teilen der Öffentlichkeit geradezu ignoriert werden. Sie müssen experimentieren, neues wagen, was natürlich ausreichend Mittel und Kreativität benötigt. Aber immer neue und nochmals neue Business-Strategien mit KI-Zusammenfassungen, noch kürzeren Artikeln und so weiter, auf die sich viele Medien jeweils stürzen, werden das Problem allein nicht lösen in nicht lösen.

Valentin Rubin, Policy & Advocacy Manager RSF Schweiz

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