Der Kreml hat in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten in der Ostukraine soziale Netzwerke sowie nicht-russische Messenger-Dienste teilweise oder vollständig blockiert. Digital weitgehend von der Aussenwelt abgeschnitten, versuchen die Bewohnerinnen und Bewohner der Region dennoch, die Zensur zu umgehen, um mit der Aussenwelt in Kontakt zu bleiben und sich über unabhängige Quellen jenseits der russischen Propaganda zu informieren. Reporter ohne Grenzen (RSF) hat mit Menschen gesprochen, für die der Zugang zu unabhängigen Informationen nur noch heimlich und im Versteckten möglich ist.

«An einem Tag funktionieren das Internet und Telegram, am nächsten nicht mehr», sagt Ihor*, der in den von Russland besetzten Gebieten der Ostukraine lebt. Um sich zu informieren, ist er auf Dienste angewiesen, die kaum zugänglich sind. Seine Familienangehörigen im Zentrum und im Westen der Ukraine haben hingegen Zugang zu einer vielfältigen Medienlandschaft. Er nicht.

Seit der gross angelegten Invasion der Ukraine im Jahr 2022 werden Plattformen und Messenger-Dienste der US-amerikanischen Unternehmen wie Facebook, Instagram, X, YouTube und Signal teilweise oder vollständig zensiert. Gleiches gilt für den zum japanischen Unternehmen Rakuten Group gehörende Dienst Viber. Das jüngste Ziel der Zensur ist sogar Telegram: Der vom russischen Unternehmer Pawel Durow gegründete Messenger-Dienst wird seit dem vergangenen Frühjahr blockiert, weil er beim Kreml in Ungnade gefallen ist. 

Moskau hat den digitalen Raum in Russland sowie in den ost- und südukrainischen Gebieten schrittweise abgeschottet und durch eigene Anwendungen wie den staatlich geförderten Messenger-Dienst Max gefördert. RSF hat bereits früher darüber berichtet. 

Verbotene ukrainische Medien wurden darüber hinaus durch kremlfreundliche Online-Portale der Desinformation ersetzt, etwa die Medienholding ZaMedia, die 2022 vom russischen Unternehmer Alexander Malkevitsch gegründet wurde. Hinzu kommt die Ansiedlung russischer Medien wie der staatlichen Rundfunkgesellschaft VGTRK, die etwa in der besetzten Stadt Donezk ein Büro eröffnet hat. 

Die Bewohnerinnen und Bewohner der unter russischer Kontrolle stehenden Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja, Cherson sowie der Krim mussten darum ihre Nutzungsgewohnheiten anpassen, um weiterhin Zugang zu vielfältigen und unabhängigen Informationen behalten zu können. 

«RSF verurteilt die vom Kreml in den besetzten Gebieten orchestrierte Informationssperre. Sie ist dem in Russland üblichen Vorgehen nachempfunden. Die Bevölkerung ist dabei gezwungen, sich im Verborgenen zu informieren – in der Hoffnung, dass die eingesetzten Umgehungsstrategien wie VPNs nicht von einem Tag auf den anderen wirkungslos werden. Es ist inakzeptabel, dass ganze Bevölkerungsgruppen heute auf diese Weise von verlässlichen Informationsquellen abgeschnitten und in ihrem eigenen Land mit russischer Propaganda überhäuft werden.»
Pauline Maufrais, Leiterin des Ukraine-Desks bei RSF
Vincent Berthier, Leiter des Büros für Technologie und Journalismus bei RSF

Digitale Kolonisierung in den besetzten Gebieten 

Die digitale Kolonisierung durch Russland beginnt bereits bei der Telefonnummer: Die Bewohnerinnen und Bewohner der besetzten Gebiete wurden schrittweise gezwungen, ihre ukrainischen SIM-Karten aus der Zeit vor der Besatzung zugunsten russischer oder lokaler Anbieter aufzugeben. Nur so konnten sie weiterhin erreichbar bleiben und Zugang zu bestimmten Verwaltungsdiensten erhalten. «Ich musste zwei russische SIM-Karten kaufen, ich habe das als Zwang und nicht als freie Entscheidung erlebt», berichtet Maryana, eine seit 2014 im besetzten Gebiet der Krim lebende Bewohnerin. «Generell versuchen wir, jede Umstellung auf alles Russische so lange wie möglich hinauszuzögern», erklärt Tetyana aus Donezk, das seit 2014 teilweise besetzt ist. 

Ihor aus Luhansk musste sich ebenfalls anpassen. In seinem Fall funktionierten weder ukrainische noch russische SIM-Karten. Er sah sich gezwungen, eine lokale Karte zu nutzen. «Hier funktionieren nicht alle russischen Karten, ich musste mir eine LNR-SIM-Karte kaufen», erzählt er und bezieht sich damit auf die «Volksrepublik Luhansk» – die Region, die seit 2014 von Russland unterstützt und 2022 vom Kreml völkerrechtswidrig als annektiert erklärt wurde. 

Von einem Messenger-Dienst zum anderen, je nach Restriktionen 

Messaging-Apps und soziale Netzwerke von nicht-russischen Unternehmen, die lange Zeit den Zugang zu Informationen und den Kontakt zur Aussenwelt ermöglichten, wurden nach und nach blockiert. «Zuerst Viber, dann WhatsApp und schliesslich Facebook», zählt Ihor auf. «Heute gibt es praktisch keinen Messenger-Dienst mehr, der wirklich funktioniert.» Die Bevölkerung suche nach Möglichkeiten, mit ihren Angehörigen in der freien Ukraine in Kontakt zu bleiben. Und diese erzwungene Isolation hinterlässt Spuren. «Es ist traurig. Wir tun alles, um den Kontakt aufrechtzuerhalten, aber nichts funktioniert richtig», sagt Ihor.

Um diesem eklatanten Defizit entgegenzuwirken, verlassen sich die Menschen teilweise auf die Unterstützung ihrer Angehörigen ausserhalb der besetzten Gebiete. «Wenn mir bestimmte Informationen fragwürdig erscheinen, schicke ich sie an meine Familienmitglieder, die Zugang zu mehr Informationen haben», erklärt Tetyana aus Donezk. Dies geschieht häufig, denn die besetzten Gebiete werden von kremlfreundlichen oder direkt von Russland kontrollierten Informationsquellen überflutet, während unabhängige Medien blockiert wurden. Für Maryana auf der Krim ist das teilweise zugängliche Telegram trotz der darin enthaltenen zahlreichen prorussischen Propaganda-Netzwerke weiterhin ihre wichtigste Informationsquelle. Ihor wiederum berichtet, dass er das chinesische soziale Netzwerk TikTok nutzt. Dies ist offiziell nicht verboten, auch wenn der Zugang trotz VPN instabil bleibt. Dort findet Ihor zumindest einige Informationen, wie er sagt.

Svitlana Zalizetska, die in Saporischschja lebende Chefredakteurin des ukrainischen Mediums RIA-PIVDEN, kommuniziert regelmässig mit Menschen in den besetzten Gebieten der Ostukraine. Sie bestätigt gegenüber RSF, dass der Austausch häufig «nur in eine Richtung» möglich ist. Die Bevölkerung in den besetzten Gebieten könne die Menschen in der freien Ukraine anrufen, nicht aber umgekehrt. Die Sperren erfordern laut Zalizetska zudem ein hohes Mass an Flexibilität: «Man muss ständig nach neuen Messenger-Diensten suchen und Kommunikationsregeln entwickeln, die der tatsächlichen Sicherheitslage entsprechen.» 

VPNs als vermeintliche Lösung

Um die Sperren zu umgehen, rüsten sich die Bürgerinnen und Bürger mit technischen Hilfsmitteln aus. VPNs (Virtual Private Networks) verschleiern die IP-Adressen der Nutzerinnen und Nutzer und ermöglichen es ihnen, sich mit Servern ausserhalb der Reichweite der russischen Zensur zu verbinden. Die Zahl der VPN-Downloads ist seit Beginn der Besetzung der Regionen in der Ukraine sprunghaft angestiegen. Google Trends dokumentiert diese hohe Nachfrage auf VPN-Dienste seit der Besetzung. 

In den Oblasten Cherson und Saporischschja erreichten die Suchanfragen nach VPNs bereits im Juli 2022 ihren Höhepunkt, als die russischen Besetzer versuchten, den Zugang zu VPNs und zu sozialen Netzwerken zu blockieren.

Die beliebtesten Suchanfragen zeigen die Dringlichkeit der Lage: «VPN herunterladen» oder auch «kostenloses VPN». In der Region Donezk wurde der Höhepunkt im August 2024 erreicht, als die YouTube-Übertragungsgeschwindigkeit infolge einer Verwaltungsentscheidung der russischen Behörden stark eingeschränkt wurde.

Risiko und geringe Stabilität bleiben bestehen

VPNs, die auf gängigen Plattformen wie Google Play gefunden werden, funktionieren aufgrund der Blockade häufig nur eingeschränkt. Ihor berichtet: «Vor Kurzem habe ich einen neuen VPN-Dienst gefunden, der aber nur jeden zweiten Tag funktioniert.» Die Nutzung eines VPN bleibt damit ein riskantes Unterfangen. 

Seit dem 1. September 2025 verschärft Moskau die Repressionen dagegen. Die Werbung für VPNs kann nun mit hohen Geldstrafen geahndet werden: bis zu 80’000 Rubel (rund 880 CHF) für Privatpersonen und 500’000 Rubel (knapp 5’400 CHF) für juristische Personen. Auch die Nutzung eines VPN zum Zugriff auf Inhalte, die vom Kreml als «extremistisch» eingestuft werden – wozu zahlreiche unabhängige journalistische Berichterstattungen über den Krieg gehören – wird mit einer Geldstrafe von 5’000 Rubel (rund 54 CHF) geahndet.

Eine kritischere Sicht auf den digitalen Raum

Die Zensur und die Einschränkungen in Russland haben die Bevölkerung für das Thema Online-Sicherheit sensibilisiert. «Ich achte heute mehr auf eine Zwei-Faktor-Authentifizierung, auf Überprüfung der Verbindungen und bin insgesamt vorsichtiger», sagt Maryana. Der russische Messenger-Dienst Max überzeugt in dieser abgeschotteten digitalen Blase nicht – auch wenn er vom Kreml mit Nachdruck als Ersatz für blockierte Apps und Messaging-Dienste beworben wurde. «Die Bewertungen sind sehr schlecht», berichtet Ihor. Und Maryana bestätigt: Sofern es möglich ist, installieren die Menschen die App auf einem anderen Telefon, das sie nicht viel benutzen. Ein Rückschlag im Unterfangen des Kremls, digitale Kontrolle über die Ostukraine zu erlangen.

*Aus Sicherheitsgründen wurden alle Interviewten anonymisiert und die Namen der Städte nicht genannt.

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